In den Norden, in die Wärme

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11.01.2014 – 08.02.2014

(Paso Integracion Austral Richtung Río Gallegos, Parque Nacional Monte Leon, Weiterfahrt zum Monumento Natural Bosque Petrificado de Jaramillo, über die Ruta 3 zurück an den Atlantik und von Comodoro Rivadavia ins Inland zum Reserva Natural Bosque Petrificado de Sarmiento, Rada Tilly, Weiterfahrt zum Cabo Dos Bahías, von Camarones nach Norden und über Rawson zum Punta Ninfas, Puerto Madryn, Weiterfahrt ans Meer bei Puerto San Antonio Este – mehrtägiger Urlaub am Strand, von da nach Río Colorado, Weiterfahrt über Bahía Blanca und Pigüé nach Carhue, Fahrt nach Rosario, durch Entre Ríos nach Gualeguaychú an die Grenze zu Uruguay)

Wie wir bereits im letzten Bericht erwähnten, freuten wir uns tatsächlich über das eigentlich eher mäßig schöne “warme Regenwetter” in Río Gallegos. Nach den nass-kalten Tagen auf Feuerland waren wir Regen ja inzwischen gewohnt … was aber wirklich zählte, waren die 18°C Smiley. Schnell waren wir mit unseren dicken Klamotten aus dem Süden viel zu warm angezogen und mussten die tief verpackten kurzen Hosen herauskramen – genau so hatten wir es uns gewünscht!

Nachdem an der Grenze, nach einigem Warten Zwinkerndes Smiley, alles wunderbar geklappt hatte, verließen wir die große Stadt Río Gallegos nach einem kurzen Einkauf und machten uns über die Ruta 3 – unseren neuen Begleiter – auf den Weg nach Norden.

Die Landschaft war erst einmal gewohnt eintönig, denn die Ruta 3 verläuft mitten durch die patagonische Steppe und von dem nahen Atlantik bekamen wir nichts zu sehen. Uns begleiteten also Buschwerk, trockenes Gras und hunderte Kilometer Viehzaun. Wenigstens wurde das Wetter mit jedem Kilometer, den wir nach Norden vordrangen, besser.

Es grenzte fast an ein Wunder, dass wir bei dieser Kontinuität an Viehzaun überhaupt einen Platz für die Nacht fanden. Fast hatten wir uns schon mit der Idee abgefunden direkt am Straßenrand zu stehen, ohne Sicht oder Lärmschutz vor den vorbeirauschenden LKWs … doch dann entdeckte Florian eine nicht eingezäunte, ehemalige Kiesgrube, in der wir es uns für die Nacht gemütlich machten. Die Sonne schien, es war windstill (!) und selbst um 19Uhr zeigte das Thermometer noch 22°C – uns kam es vor wie der erste laue Sommerabend seit Jahren.

Am nächsten Morgen lagen nur noch rund 60km vor uns, bis wir vor den Toren des Nationalparks Monte Leon standen. Erst seit 2004 kann man diesen kostenlosen und wenig besuchten Nationalpark besichtigen. Er schützt auf einer Fläche von 62km2 – dem Gelände einer ehemaligen Schaf-Estancia – die typischen, patagonischen Steppenlandschaften, faszinierende Steilküste, Buchten und kilometerlange Strände. Das Meer hat hier tiefe Höhlen in den weichen Sandstein der Steilküste gewaschen, doch leider ist die imposanteste Höhle (La Olla) 2006 in sich zusammengestürzt. Weiterhin lassen sich im Park Magellan-Pinguine, Königskormorane, südliche Seelöwen, Guanakos, Nandus, patagonische Hasen und angeblich sogar Pumas beobachten.

Ein steter und heftiger Wind wehte uns vom Meer entgegen als wir von der Ruta 3 in den Park abbogen, aber der Himmel war wolkenlos und es würde ein sonniger Tag werden. Zunächst sah alles nach öder Steppe aus und das knie-hohe Buschwerk reichte scheinbar bis zum Horizont. Hier und da weidete eine Guanako-Herde oder eine Gruppe Nandus flüchtete vor dem Pinzi.
Doch ganz plötzlich änderte sich die Landschaft. Aus der Ferne war uns nicht aufgefallen, wie hoch wir uns noch über dem Meer befanden und jetzt wand sich die staubige Straße in steilen Kurven durch vom Regen ausgewaschene Canyons dem Wasser entgegen. Erst jetzt, nachdem wir das Hochplateau verlassen hatten, konnten wir auch den in der Sonne glitzernden  Atlantik sehen.

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Immer wieder flüchten Darwin-Nandus vor dem Pinzgauer.

Zunächst wollten wir auf einer etwa zweistündigen Wanderung die Kolonie der bis zu 75.000 Magellan-Pinguine besuchen … und gerieten dabei etwas unerwartet ins Schwitzten. Trotz des Windes kletterten die Temperaturen erstaunlich schnell und die Sonne brannte auf unserem baum- und schattenlosen Weg unerbittlich vom Himmel. Statt Pullover und Windbreakern hätten wir lieber Sonnenhüte und Trinkwasser mitnehmen sollen … aber, wir waren ja auch erst einen Tag wieder zurück aus der Kälte und mit einem derart schnellen Wechsel der Jahreszeit hatten wir einfach nicht gerechnet Smiley.

Die Kolonie der Magellan-Pinguine fanden wir oberhalb eines kilometerlangen Kiesstrandes, der von sandsteinfarbener Steilküste eingerahmt ist. Die Tiere haben hier, in Anbetracht ihrer kurzen Beinchen, zum Teil in erstaunlicher Höhe über dem Meer ihre Höhlen gegraben. Die ersten Opfer der Füchse, Marder und Raubmöwen fanden wir jedoch schon weit außerhalb der Kolonie … Pinguin-Kadaver und Knochen lagen bis weit ins Hinterland verteilt. Und noch etwas wies uns auf die Ankunft an der Kolonie hin – ihre unverkennbaren Rufe und ihr strenger Geruch, der uns mit dem Wind entgegenwehte Smiley.

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Tausende Magellan-Pinguine nisten im Nationalpark Monte Leon zwischen den Büschen oberhalb des Strandes.

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Die Pinguine graben Kuhlen unter den Büschen, in denen die Küken schlüpfen.

Magellan-Pinguine sind monogame Tiere, die sich nach einigen Monaten auf See, zur Paarungszeit immer wieder an bestimmten Stränden des südlichen Atlantiks treffen. Im November werden zwei Eier gelegt aus denen im Dezember die Küken schlüpfen. Von da an ist immer eines der Elterntiere auf der Suche nach Nahrung, während das andere die Küken bewacht. Mitte/ Ende Januar sind die Küken praktisch so groß wie ihre Eltern, wechseln ihren Kükenflaum gegen den Wasser-abweisenden Pinguin-Smoking und entwickeln einen dementsprechend großen Appetit. Beide Eltern müssen nun täglich auf Nahrungssuche gehen, um den Hunger der Küken zu stillen, denn erst nach der ersten Mauser können die Jungtiere mit ihren Eltern selber jagen gehen.

Unser Besuch der Kolonie fiel in die Zeit, in der die Küken gerade mit ihrem Federwechsel begannen und daher viele Elterntiere auf Nahrungssuche waren. Dennoch sahen wir auch Altvögel, die an Nisthöhlen unter den Büschen auf Jungtiere aufpassten. Weiter unten am Strand wimmelte es vor ankommenden und wieder im Meer verschwindenden Pinguinen – der ganze Strand war in Bewegung. Ein großartiges Bild.

Auf einer Bank im Sonnenschein konnten wir das Treiben beobachteten und auch belauschen, denn die Geräuschkulisse der großen Kolonie war beeindruckend.

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Elternteil und Küken sind aus der Ferne anhand der Größe kaum mehr zu unterscheiden …

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… bei näherer Betrachtung fällt jedoch das noch nicht-wasserabweisende Gefieder der Küken auf.

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Überall am Strand wuseln die Pinguine entlang – Einige schwimmen zur Jagd hinaus, andere kommen zurück an Land, um ihre Küken zu füttern.

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Trotz des steten Windes wurde es sehr warm und wir waren froh am Aussichtspunkt der Kolonie eine kleine Rast machen zu können.

Nachdem wir zurück am Auto waren und unsere Klamotten erstmal auf Sommer umgestellt hatten, ging es weiter zur Seelöwenkolonie des Nationalparks. Noch bis in die 60er Jahre des letzten Jahrhunderts sind Seelöwen an den Atlantikküsten wegen ihrer Felle und ihres Fetts gnadenlos gejagt worden. Nun aber erholen sich die Bestände und auch im Nationalpark Monte Leon findet sich wieder eine Kolonie: Auf einer steilen Klippe ruhen sich hier während des Tages bevorzugt Seelöwenweibchen in der Sonne aus. Leider waren die Tiere so weit weg, dass man sie nur mit dem Fernglas gut beobachten konnten.

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Ein kleiner Teil der Seelöwen-Kolonie im Nationalpark Monte Leon.

Vorbei an der Isla Léon, die in früheren Zeiten vor allem zum Guano-Abbau genutzt wurde und die nun wieder von Königskormoranen bevölkert ist, fuhren wir bis zur nächsten Bucht des Parks, um dort zu Mittag zu essen. Mit ein paar belegten Broten stapften wir hinunter an den Strand, setzten uns in den Kies und genossen den Ausblick auf den blauen Atlantik, der direkt vor uns lag.

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Mittagspause am Atlantik … die belegten Brote sind schon verputzt Smiley.

Obwohl der Besuch des Parks mehr Zeit in Anspruch genommen hatte, als wir zunächst gedacht hätten, hat es sich für uns dennoch sehr gelohnt – das Wetter hier war einfach herrlich und die große Pinguin-Kolonie beeindruckend!

So brachen wir also erst am frühen Nachmittag wieder nach Norden auf und mussten die Fenster weit öffnen, um uns vom Fahrtwind die Gesichter kühlen zu lassen … immerhin war das Thermometer bereits auf 30°C geklettert – und das im südlichen Patagonien!

Für den nächsten Tag war der Besuch des Monumento Natural Bosque Petrificado de Jaramillo, dem ersten versteinerten Wald auf unserem Weg nach Norden geplant. Die Umgebung, in der sich dieser versteinerte Wald befindet, ist wüstenartig und von ehemaliger Vulkan-Aktivität gekennzeichnet: Bunte Berge, schroffe Felsen und Lavafelder prägen das Bild dieser kargen Landschaft.

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Panoramablick am Mirador Bosque Petrificado.

Vor ca. 150 Millionen Jahren herrschte hier noch ein ganz anderes Klima. Es war tropisch – feucht und heiß – und an den Hängen der aktiven Vulkane wuchsen ausgedehnte Proaraukarien-Wälder, Vorfahren der heute noch im chilenischen und argentinischen Seengebiet zu findenden Araukarien.

Bei dem gewaltigen Ausbruch eines solchen Vulkanes wurden durch die entstandenen pyroklastischen Ströme die Proaraukarien mit Windgeschwindigkeiten von bis zu 300km/h entwurzelt und umgeworfen. Gleich darauf wurden sie mit heißer Vulkanasche bedeckt und versteinerten im Laufe der folgenden Jahrmillionen.

Bis heute sind nur wenige der bis zu 30m langen und 3m im Durchmesser messenden Stämme von der Winderosion freigelegt. Zwischen ihnen verlaufen einige Rundwege  und ermöglichen die Betrachtung der beeindruckend-gut erhaltenen Bäume. Es ist fast so, als stünde man vor einem gerade gefallenen Baum … Astlöcher, Rinden-Details und sogar Jahresringe lassen sich an besonders schönen Exemplaren ohne Mühe erkennen. Der Boden ist bedeckt mit unzähligen Bruchstücken der versteinerten Bäume – man läuft über große und kleine Stückchen und fühlt sich dabei an verrottende Holzsplitter oder Rindenmulch erinnert. Dabei liegt da nicht Holz vor einem, sondern Stein!

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In diesem Schutzgebiet befinden sich die größten, versteinerten Baumstämme Patagoniens.

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Bis zu 3m Durchmesser erreichen die Stämme der versteinerten Proaraukarien.

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Auch versteinerte Astlöcher sind an vielen Stellen zu erkennen.

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Dieses “Exemplar” hätte ganz sicher nicht in unsere Fototasche gepasst Zwinkerndes Smiley.

Die Ranger dieses kleinen Parks waren sehr nett, aber auch sehr streng: Rucksäcke oder Taschen dürfen nicht mit auf das Gelände genommen werden, und Kamera-Taschen nur, wenn man sich bereit erklärt, dass die Ranger nach der Rückkehr vom Gelände einen Blick hineinwerfen … sie haben berechtigte Angst davor, dass besonders hübsche Stücke aus dem Park entwendet werden.

So ließen wir sie nach unserer Tour natürlich gewähren und statteten dem kleinen aber vorzüglichen Museum im Ranger-Gebäude einen Besuch ab, in dem so manch anderer versteinerter Schatz aus der Gegend zu bestaunen war: Herrlich erhaltene Rindenabdrücke früherer Baumfarne, ganze zu Stein gewordene Tannenzapfen und Insektenfußspuren.

Mit all diesen schönen Eindrücken machten wir uns nach dem Besuch in der brütenden Mittagshitze wieder auf den Weg. Mit Kälte würden wir uns wohl wirklich nicht mehr herumschlagen müssen, vielmehr galt es nun mit der Hitze klar zu kommen Smiley.

Weitere 450km trug uns der Pinzi an diesem Tag noch – an Comodoro Rivadavia vorbei und ins Inland Richtung Sarmiento, wo es einen weiteren versteinerten Wald gibt. Nach einer recht milden Nacht neben einer staubigen Straße, stand für uns am nächsten Tag der zweite versteinerte Wald auf dem Programm – das ebenfalls kostenlose Monumento Natural Bosque Petrificado Sarmiento. Die Geschichte der Bäume ist hier recht ähnlich – auch sie wurden durch einen Vulkanausbruch gefällt und über Jahrmillionen zu Stein.

Allerdings standen in Sarmiento eher Palm- und Nadelwälder, die hier vor 75 Millionen Jahren in einem tropischen Flussdelta gediehen. Die Stämme sind wesentlich kürzer und weniger dick als im südlicheren Park, dafür ist die Anzahl der versteinerten Stämme hier sehr viel größer. Überall hat die Erosion die oft wirr durcheinander geworfenen Stämme freigelegt, es gibt sogar erhaltene Wurzelstöcke und sehr oft erschienen die Bäume hier sogar noch “perfekter erhalten”. Selbst aus der Nähe betrachtet war es hier schwierig zu sagen, ob es sich wirklich um Stein handelt. Nur das verräterische Glänzen und Glitzern der Stämme im direkten Sonnenlicht verriet, dass all ihr Gewebe von Mineralien ersetzt und zu Stein geworden war.

P1100843-Arg4 Auch die bunte Erosionslandschaft rund um Sarmiento ist vulkanischen Ursprungs.

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Jahresringe lassen sich an den versteinerten Nadel- und Palmbäumen sehr gut erkennen.

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Der sehr gute Zustand der versteinerten Baumstämme beeindruckt immer wieder.

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Durch Wind- und Wassererosion kommen immer wieder neue Baumstämme zum Vorschein.

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Die Erosion führt aber auch dazu, dass die freigelegten Stücke nach und nach in immer kleinere Fragmente zerbröseln..

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Auch einige Wurzelstöcke sind in dem versteinerten Wald von Sarmiento zu finden.

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Die Spuren von Holzwürmern sind in den versteinerten Bäumen perfekt konserviert Smiley.

Nachdem wir auch hier den Rangern wieder unsere Kamerataschen vorzeigen mussten, machten wir uns auf den Rückweg nach Comodoro Rivadavia und somit ans Meer.

Der Tag war heiß und windig, und sogar ein kleiner Sandsturm empfing uns an der Küste, als wir in Rada Tilly – einem Vorort der Großstadt – eintrafen und auf den Campingplatz gingen. Dringend musste Wäsche gewaschen werden, doch bei Sandsturm war daran nicht zu denken. Also harrten wir im Auto aus. Damit die 33°C im Schatten irgendwie erträglich wurden, mussten wir die Fenster öffnen und nahmen dabei die regelmäßigen Sandduschen in Kauf Smiley.

Nach zwei Tagen verließen wir Comodoro Rivadavia wieder und folgten der Küstenstraße in Richtung Camarones, um von dort auf die Cabo Dos Bahías Halbinsel zu gelangen. Hier erstrecken sich wilde, einsame Strände, die zum Bleiben einluden …

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“Unsere” Bucht am Cabo Dos Bahías.

Wir genossen jede Minute: Bis zum Wasser waren es vielleicht 10m. Möwen, Austernfischer und Kormorane sausten durch die Lüfte, ab und zu kam ein Seelöwe vorbeigeschwommen. Immer wieder erlebten wir hier den Wechsel zwischen Ebbe und Flut, der die beeindruckenden Felsen-Pools freilegte, in denen Krebse, Algen und kleine Fische schwammen. Endlich hatten wir mal wieder ein Urlaubsgefühl – es war warm, herrlich und unbeschwert.

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In den Felsenpools des Strandes konnte man bei Ebbe auf Entdeckungstour gehen …

Aber … jeder “Urlaub” hat ein Ende und so brachen wir nach nur zwei schönen Tagen am Cabo Dos Bahías wieder auf. Vorbei an Camarones ging es erneut durch die heiße Steppe Patagoniens nach Norden. In Rawson wurde getankt, bevor wir den eher schlechten Schotterpisten zum Punta Ninfas folgten.

Punta Ninfas ist der südliche Landpunkt der Einfahrt in den Golfo San José, an dem auch Puerto Madryn und vor allem die bekannte Halbinsel Península Valdés liegt. Die Klippen der Steilküste sind hier mehr als 60m hoch, ein Leuchtturm thront über dem Meer und der Wind peitscht ungebremst heran. Es ist einsam und abgeschieden – wahrscheinlich der Hauptgrund für eine Gruppe der Südlichen See-Elefanten gerade hier eine Kolonie zu gründen.

Mit einem Blick über die Klippenkante konnten wir ein paar der Weibchen betrachten, wie sie sich in der Sonne auf den von der Ebbe freigelegten Felsflächen sonnten. Ein Männchen dieser bis zu 7m langen und bis zu 3,5t schweren, größten Robbenart der Welt,  konnten wir allerdings nicht ausmachen. Der Zeitpunkt war auch etwas unglücklich gewählt, da bei Ebbe die meisten Tiere zur Jagd im Meer unterwegs sind und wir so nur einige Dutzend statt einigen hundert Tieren zu Gesicht bekamen.

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Die Steilküste bei Punta Ninfas.

Weil es uns hier oben zu windig und staubig war, kehrten wir den Klippen den Rücken zu und fuhren in Richtung Puerto Madryn. Wir staunten nicht schlecht, als die 100.000 Einwohner-Stadt mit Hochhäusern plötzlich vor uns auftauchte. Wir umfuhren die Stadt allerdings großräumig, um an die östlichen Strände zu gelangen und fanden trotz des Wochenendes ein Plätzchen an der Playa Paraná.

Am nächsten Tag machten wir uns daran, die nördlichen Strände des Golfo San José zu entdecken, wobei wir dem UNESCO Weltnaturerbe der Península Valdés immer näher kamen. Wären wir zu einer anderen Jahreszeit hier gewesen (nämlich Juni bis Dezember), hätten wir hier ein besonderes Schauspiel der Natur miterleben können: Valdés ist nämlich bekannt für den jährlichen Besuch der südlichen Glattwale. Die mächtigen Meeressäuger, die bis zu 18m lang und 50t schwer werden können, tummeln sich zu dieser Zeit besonders gerne in den warmen, seichten Gewässern des Golfo Nuevo und Golfo San José. Jetzt, im Januar, waren die Glattwale aber leider schon wieder in subantarktische Gewässer weitergezogen, so dass wir die Strände und den Golfo San José nur mit ein paar anderen Badenden statt mit Walen teilen mussten.

Eigentlich sollte es am nächsten Morgen in Richtung Norden weitergehen, doch nach ein paar “Routine-Kontrollen” am Pinzi stellte Florian mit Erschrecken fest, dass etwas mit dem Kohlestift der Verteilerkappe nicht stimmte. Wir brauchten also dringend Internet, um uns mit Carsten – unserem Pinzgauer-Experten – zu beraten. Das hieß: Rückfahrt nach Puerto Madryn.

Nach einigem Hin- und Her-Fahren durch die heiße Stadt, fanden wir schließlich das WLAN einer YPF Tankstelle, in dessen klimatisiertem Café es sich bei abermals deutlich über 30°C recht gut aushalten ließ. Das Telefonat mit Carsten beruhigte uns erstmal und wir entschieden vorerst nichts zu unternehmen, da der Wagen ja wunderbar lief, wir sowieso das passende Ersatzteil nicht gehabt hätten und daher nur im Notfall “basteln” wollten. 

Nach der mittäglichen Siesta organisierten wir uns also eine neue Verteilerkappe zum Ausschlachten für den Notfall und machten uns auf den Weg zur großen Überlandtankstelle an der Ruta 3. Nachdem wir von einem netten Lkw-Fahrer zu einer eiskalten Mate eingeladen wurden, blieben wir auch gleich für die Nacht hier.

Am nächsten Morgen ging es dann endlich weiter. Wieder einmal kletterte das Thermometer auf fast 35°C im Schatten – nicht einmal der Fahrtwind kühlte uns mehr ab – und die 30-minütige Wartezeit in der Sonne an der letzten günstigen Tankstelle mit patagonisch-subventioniertem Treibstoff in Sierra Grande waren da auch eher kontra-produktiv Smiley.

Nur gut, dass wir am Ende des Tages einen wundervollen Platz am Meer fanden, der uns für die Hitze und den Staub des Tages mehr als entschädigte. Einige Kilometer östlich von Puerto San Antonio Este machten wir es uns direkt am Strand in den Dünen gemütlich und entschieden gleich für mehrere Tage hier zu bleiben.

Diese Tage am Meer waren wieder einmal wunderbar, denn der Strand war menschenleer und das Wetter grandios. Auch hier wurden wir wieder Experten für die Gezeiten, sonnten uns, badeten im Meer, unternahmen Erkundungstouren durch die bei Ebbe freifallenden Felsflächen, sammelten Muscheln und entdeckten unseren ersten Albatros … dieser war allerdings, wie so oft bei unseren“Erst-Sichtungen”, schon tot Smiley.

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“Urlaub” am Atlantik.

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Eine der wenigen Stellen, mit einem Sonnenuntergang über dem südamerikanischen Atlantik.

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Die Dünen, das Meer und der Himmel wurden jeden Abend in herrliches Licht getaucht.

Insgesamt waren es fünf herrlich entspannte Tage am Atlantik, so dass es uns schwerfiel wieder aufzubrechen. Aber – gut, dass wir es taten, denn nach dieser langen Zeit in der Abgeschiedenheit hatte sich in Deutschland Einiges getan! In General Conesa hatten wir zum ersten Mal wieder die Möglichkeit unsere Mails zu checken und ich musste mit Erschrecken feststellen, dass es Neuigkeiten über mein Referendariat gab.

In dem winzigen Schatten neben dem Auto mussten wir uns an der staubigen Tankstelle unverzüglich über mögliche Schulstandorte für mich und potentielle Arbeitsstellen für Florian informieren – bei 37,5°C nicht gerade der schönste Nachmittag unserer Reise … aber, was für ein Glück, dass es ausnahmsweise recht zuverlässiges Internet gab!
Völlig erledigt nach diesem heißen und aufreibenden Tag, blieben wir bei der Tankstelle und genossen ein wohlverdientes Feierabend-Bier, als sich bei Sonnenuntergang die Temperaturen langsam angenehm abkühlten.

Am nächsten Tag ging es nur ein paar hundert Kilometer weiter in den Norden nach Río Colorado, eine kleine Stadt an der Grenze der Bundesländer Río Negro und La Pampa. Wäsche-Waschen stand wieder ganz groß auf unserem Plan und so steuerten wir den Camping Municipal an. Den ganzen Tag war es schwül und heiß und am Abend gab es erste Gewitter. Trotzdem schafften wir es unsere riesigen Wäscheberge zu trocknen, die nach unserem letzten Campingplatzbesuch in Comodoro Rivadavia übrig geblieben waren.

Länger als einen Tag blieben wir aber nicht und fuhren schon am nächsten Tag weiter über die Ruta 33 nach Norden. Hier veränderte sich nun seit ewig langer Zeit endlich einmal wieder die Landschaft … mit Überquerung des Río Colorado wechselten kilometerweite Felder die patagonische Steppe ab. Kühe grasten, die Korn- und Weizenfelder leuchteten golden in der Sonne und kleine Eukalyptushaine umstanden die zugehörigen Bauernhöfe – wir waren in der “Pampa” angekommen.

Im Örtchen Pigüé, einer von Franzosen gegründeten Siedlung, legten wir unseren nächsten Stopp für die Nacht ein, ehe wir unsere Reise nach Carhue fortsetzten. In der Touristeninformation von Carhue holten wir uns ein paar Details zu den örtlichen Camping-Möglichkeiten und fanden so den herrlichen Camping Municipal “La Chacra” – ein 50 Hektar großes Areal an einem kleinen Bach, unter schattigen, alten Eukalyptusbäumen mit Duschen, WCs, Wasser und Strom … und dabei sogar noch völlig kostenlos. Da staunten wir nicht schlecht und beschlossen an diesem netten Ort mehr als nur einen Tag zu verbringen.

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Im Eukalyptuswald von “La Chacra” – unsere Angst vor Mücken erwies sich als völlig unbegründet.

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Im goldenen Abendlicht ziehen große Kuhherden außerhalb des Eukalyptuswaldes über die Weiden der argentinischen Pampa.

Insgesamt blieben wir fünf Tage, genossen diesen “Urlaub” und fanden Gefallen an dem kleinen Städtchen und seinen unglaublich netten Bewohnern. Trotz Temperaturen von über 35°C blieb es im Schatten des Eukalyptuswalds angenehm kühl und es ließen sich unzählige Vögel beobachten. Von Moskitos hingegen fehlte erfreulicherweise jede Spur Smiley.

Der Abschied von diesem Platz fiel uns wirklich schwer, aber wir mussten ja irgendwann weiter in Richtung Uruguay und brachen daher am frühen Morgen auf in Richtung Rosario. Die Landschaft und das Klima wurden feuchter und schwüler aber wir kamen weiterhin gut voran, bis wir in eine erste Polizeikontrolle der Provinz Buenos Aires gerieten.

Natürlich wurden wir angehalten – bei Kontrollen werden wir immer angehalten Smiley. Meist dominiert dann einfach nur die Neugierde am Auto – bei dieser Kontrolle spielte da aber wohl noch eine andere Motivation mit hinein. Zunächst war der Beamte recht freundlich, fragte die üblichen Dinge (woher? wohin?), mit denen wir rechneten. Doch dann fiel ihm plötzlich ein, dass er ganz gerne unseren argentinischen KfZ-Schein, die tarjeta verde, sehen würde.

Verdutzt guckten wir uns an. Einen argentinischen KfZ-Schein? Für ein im Ausland zugelassenes Auto? Uns war nun klar, in welche Richtung das hier laufen sollte und sprachen uns ab unsere Spanischkenntnisse nun auf ein absolutes Minimum zu reduzieren.

Eine tarjeta verde wäre hier Pflicht für alle, allerdings nur in der Provinz Buenos Aires … in anderen Provinzen nicht, versicherte uns der Polizist. Das wäre aber kein Problem, wir müssten natürlich eine Strafe bezahlen, aber dann könnten wir auch direkt weiter.

Aha …

Etwa zwanzig Minuten versuchte der Polizist uns dann das Wort multa (Bußgeld) zu erklären. Seine Versuche es zu umschreiben wurden aber mit der Zeit so kompliziert, dass wir ihn am Ende wirklich nicht mehr verstanden Smiley. Höflich lächelten wir ihn an, waren immer nett … aber zuckten weiterhin nur verständnislos mit den Schultern.
Unser Plan ging auf – irgendwann wurde es ihm zu blöd und er deutete uns mit einer genervten Handbewegung an, dass wir entlassen waren. Smiley 

Nach diesem kleinen Abenteuer kamen wir am Abend an der Überlandtankstelle in Firmat an, wo wir eine absolut unspektakuläre Nacht verbrachten und am nächsten Tag gleich weiter nach Rosario am gewaltigen Río Paraná fuhren.

Hier war es feucht-schwül und Gewittertürme hingen bedrohlich am Himmel. Von den Einheimischen erfuhren wir, dass dieses Wetter schon seit fast 3 Wochen unverändert sei und tatsächlich konnten wir die Folgen überall erkennen: Vorgärten, Parks und Straßengräben hatten sich durch die Wassermassen in Seenlandschaften verwandelt und es gab dadurch in diesem Jahr noch mehr Moskitos als sonst. Campen wollte bei diesem Wetter natürlich keiner und so hatten wir den Camping Municipal der Stadt für uns alleine. Dank eines unverschlüsselten WLANs aus der Nachbarschaft vergingen die schwülen und verregneten Tage hier aber schneller als gedacht und schon bald stand unsere Rückkehr nach Entre Ríos an.

Die Provinz Entre Ríos ist unter Reisenden dafür bekannt, dass die Polizeikontrollen zahlreich sind und die Beamten ganz gerne die Hand für coimas (Bestechungsgelder) aufhalten. Sie suchen regelrecht nach “abstrusen Gründen”, um eine Geldstrafe zu kassieren. Hierfür hatten wir bereits im Vorfeld Vorkehrungen getroffen: So fuhren wir hier ohne Anhängerkupplung, da das Fahren mit Anhängerkupplung ohne dahinter-gespannten Hänger (angeblich nur in Entre Ríos) verboten ist, und auch unsere Zusatzscheinwerfer waren abgedeckt, um den Herrn möglichst wenig Diskussionsstoff zu bieten.

Wir waren also vorbereitet und hatten eine Route geplant, die uns über möglichst kleine Straßen bis zur Grenzstadt Gualeguaychú führen sollte, um so die an den Überlandstraßen gelegenen Polizeikontrollen zu umfahren.

Um 6Uhr morgens ging es los und zuerst über die riesige Brücke, die von Rosario nach Victoria über den Paraná führt. Direkt nach der Brücke kam die erste, nicht zu umfahrende Kontrolle, mit der wir gerechnet hatten. Allerdings waren die Beamten hier ganz in Ordnung – nachdem wir ihnen unsere gesamten Papiere in die Hände gedrückt hatten und sie zweimal ums Auto gewandert waren, konnten wir weiterfahren.

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Auf der erst 2003 eingeweihten Brücke, die Rosario und Victoria verbindet, überquerten wie den gewaltigen Río Parana, dessen Delta hier fast 60km breit ist.

Die kleinen, nicht asphaltierten Straßen hatten sich durch die seit Wochen anhaltenden Regenfälle in ordentliche Schlammpisten verwandelt. Wir rutschten, schlingerten und entkamen mehrmals trotz Allrad und Sperren nur knapp dem Feststecken. Der Pinzi sah nach diesem Abenteuer aus, als hätte er sich von allen Seiten wie ein Schwein im Schlamm gesuhlt. Zentimeter dick klebte der dunkelbraune Schlamm an jeder Stelle und einer der beiden Spritzlappen war durch das hohe Gewicht des klebrigen Lehms abgerissen.
Aber … auf diese Weise konnten wir mindestens zwei weitere Kontrollen umgehen und erreichten – unbehelligt von der Polizei – das tropische Grenzstädtchen Gualeguaychú.

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Zentimeter-dick klebt der Lehm am Pinzi …

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… aber: Das bisschen Dreck nahmen wir gerne in Kauf.

Extreme, feuchte Hitze empfing uns, als wir einen Campingplatz ansteuerten. Die Moskitos umkreisten uns schon am helllichten Tag, die Hälfte des Platzes stand aufgrund der heftigen Regenfälle der letzten Tage unter Wasser und wir waren froh um das bisschen Schatten, das uns der Pinzi bei 35°C spendete.

Nach einer ziemlich heißen, unruhigen Nacht, in der das Thermometer nie unter 26°C fiel, machten wir uns nach dem Säubern der Bremsen und einer gründlichen Unterbodenwäsche für den Pinzi endlich auf den Weg in Richtung der Grenze zu Uruguay. Eine Brücke überspannt hier den riesigen Río Uruguay und verbindet die beiden Länder.

Und so kehrten wir, nach über einem Jahr, nach Uruguay zurück – dorthin wo unsere Reise 2013 begann.

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Ein Gedanke zu „In den Norden, in die Wärme

  1. Andreas

    Hallo Zusammen, wunderbar eure Berichte und Abenteuer. Ich gratuliere euch zu diesem grossen Unterfangen. Ich habe eure Seite per Zufall via „Röbis Pinzgauerforum“ gefunden. Ich selber fahre auch einen M712 6X6. Als ich euer Fahrzeug zum ersten Mal sah, habe ich gedacht, ich sehe meinen Pinzi nur einfach in der Farbe „sand“. Meine Frage nun: was habt ihr so als Durchschnittsverbrauch gebraucht? Gab es mechanische Probleme und wie war die Reise in dieser langen Zeit hinten im Sani-Shelter? Meine Partnerin und ich, planen eine Reise Richtung Russland, Krim (ja ich weiss, ist gerade nicht die erste Wahl als Destination) und dann rund ums schwarze Meer. Was habt ihr als Ersatzteile mitgenommen und was würdet ihr am Fahrzeug oder im Sani-Shelter umbauen oder verbessern? Freundliche Grüsse aus der Schweiz Res & Silvia

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