Bolivia for Beginners

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24.04.2013 – 28.04.2013

(Departemento Santa Cruz: San Matías, San Ignacio de Velasco, Warnes, Villa Tunari; Departemento Cochabamba: Cochabamba)

 Es ist nun schon einen Monat her, dass wir Brasilien mit einigen Warnungen durch Markus, dem Leiter der KITA in Cáceres, und anderen Leuten in Richtung bolivianische Grenze verlassen haben. Wir rechneten mit einigen Schwierigkeiten beim Grenzübertritt – und wurden dann doch überrascht. Aus Cáceres führt eine sehr gute, asphaltierte Straße zur brasilianisch-bolivianischen Grenze. Links und rechts ziehen sich hier noch immer die Sümpfe des Pantanals entlang, denn auch nach Bolivien hinein ragt das riesige Feuchtgebiet – nur ist es dort wesentlich unerschlossener.

Nachdem wir die Grenze Brasiliens hinter uns gelassen hatten, hieß es dann “Bienvenidos a la Republica de Bolivia” mit guter Schotterpiste, einem unglaublich blauen und klaren Dschungelteich und einem kaum der Pubertät entwachsenen Soldaten, der unsere Pässe eingehend studierte  und dann die Schranke über der Straße öffnete. Von anderen Reisenden, und auch von Markus aus Cáceres, wussten wir, dass die Migracion und Aduana erst weit hinter der Grenze in San Matías liegen, und so fuhren wir der kleinen Stadt und dem Ungewissen entgegen.
Wir hatten nämlich auch gehört, dass es einem die Frau, die in der Migracion arbeitet, schon ein wenig schwer machen könnte. “Wenn der Mann da ist, habt ihr Glück … wenn die Frau da ist, dann nicht. Ich kenne niemanden, der korrupter ist und miesere Laune hat als diese Frau!”, hatte uns Markus zuvor noch mitgeteilt. Wir hatten vorher schon gewusst, dass es zur Zeit besonders in Bolivien schwer ist, für Touristen ein 90 Tage Visum zu bekommen – gebräuchlich sind hier die Vergabe von 30 Tagen Visum, was jedoch im Ermessen des jeweiligen Beamten liegt. Doch reichen würden 30 Tage für unsere Zwecke natürlich nicht.
Also betraten wir die Migracion schon mal mit einem mulmigen Gefühl, das sich verstärkte, als uns eine Frau mit Goldzahn die Tür öffnete! Gott sei Dank saß jedoch in dem kleinen Büro auch noch ihr männlicher Kollege, so dass wir nicht alleine mit ihr waren! Und ich denke, dass das auch unser Glück war … denn zunächst wollte uns die Dame nur die 30 Tage Visum geben. Auch auf Nachfrage unsererseits, wieso denn keine 90 Tage möglich seien, blieb sie bei 30 Tagen: “Sie können doch nach den 30 Tagen in einer größeren Stadt eine Verlängerung beantragen!” Klar könnten wir das, aber warum den Aufwand auf sich nehmen, wenn auch direkt 90 Tage möglich wären?!
Als ihr Kollege mitbekam, dass wir über die Dauer des Visums redeten, fragte er uns direkt, aus welchem Land wir kämen – Deutschland, antworteten wir. Daraufhin sagte er seiner Kollegin, dass ein 90 Tage Visum ausgestellt werden könnte! Ohne weitere Diskussionen wurden aus den zunächst 30 Tagen also 90 Tage … na also, es geht doch! Blieb nur zu hoffen, dass das Ganze beim Zoll auch so unkompliziert ablaufen würde!

Da der Zoll am Ausgang der Stadt lag, wir jedoch ohne einen Pfennig bolivianisches Geld unterwegs waren, wollten wir in San Matías zunächst noch irgendwie eine Bank finden. Schnell war der nächstbeste Mann auf Spanisch gefragt (ich war fast schon richtig froh, endlich wieder Spanisch sprechen zu können, nach unserer Zeit in Brasilien und dem Portugiesisch, das wir NICHT sprachen! Smiley), der uns den Weg zur Bank beschrieb. Soweit so gut – nur nützte uns die Bank leider nichts, da es keinen Cajero Automático (Geldautomat) gab. Doch beim Durchfahren der Stadt entdeckten wir schnell eine Wechselstube – egal ob Reais, Dollar oder auch Euro – dort konnte man es in Bolivianos tauschen (ca. 9 Bolivianos sind 1 Euro) … auch wenn das Ganze einen eher zwielichtigen Eindruck machte!
Dort wollten wir also 50€ in Bs wechseln. Man trat in ein winziges Räumchen und stand direkt wieder vor einer Wand, in der sich nur eine Zeitungsschlitz-große Öffnung befand. Außer den Fingerspitzen war also von unserem Gegenüber nichts zu erkennen. Die Geldscheine wechselten hier also sehr anonym ihre Besitzer– natürlich ohne Quittung – aber immerhin hatten wir jetzt ausreichend Bargeld um in die nächste größere Stadt zu kommen, denn in Bolivien gibt es Straßenmaut, egal wie gut oder schlecht die Straßen auch sein mögen, und uns stand nun ja noch die weite Fahrt bis San Ignacio de Velasco bevor.

Beim Zoll selbst war es noch netter und unkomplizierter als bei der Migracion. Bernado Wieler, mit deutschem Großvater, war unser Beamter. Ein lustiges Männchen mit grauem Haar, der uns – während der Drucker nicht funktionierten wollte (der Stecker steckte nicht Smiley) – Fotos von seinem Schnauzer und seiner Tochter in Verkleidung am letzten Halloween auf dem Handy zeigte. Wir kamen aus dem Schmunzeln gar nicht mehr heraus Smiley. Auch er war erstaunt, aber erfreut, dass wir ein 90 Tage Visum für Bolivien bei der Migracion bekommen hatten und zeigte uns dann noch schnell ein paar Handyfotos von seinem Trip an den Salar de Uyuni, bevor er uns mit ein paar guten Ratschlägen und Warnungen vor den korrupten Polizisten auf den Weg schickte: “Bezahlt in keinem Fall und versteht einfach kein Spanisch mehr!” Das nahmen wir uns vor und machten uns auf den Weg.

Es war Mittag und an die 37°C heiß, als wir endlich loskamen. Je mehr wir uns von San Matías in Richtung Westen entfernten, immer entlang der brasilianischen Grenze, desto trockener wurde die Gegend. Wir entfernten uns also von den Sümpfen des Pantanals. Die Erde war rot, die Straße noch einigermaßen in Ordnung und links und rechts von uns türmte sich das dichte Grün des Regenwalds auf, immer wieder unterbrochen von pink-blühenden Flaschenbäumen. So fuhren wir die Hügel hinauf und hinab in Richtung San Ignacio de Velasco, das uns in ca. 360km erwarten würde.

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An der Strecke zwischen San Matiás und San Ignacio de Velasco … hier ist die Straße gerade sehr gut. Hinter uns im Regenwald blüht ein Flaschenbaum.

Bei guter Straße wäre das sicher in knapp fünf Stunden zu machen gewesen, doch auf Ruckelpisten mit großen, immer wieder wechselseitig auftretenden Schlaglöchern und den zum Teil schon nervigen Kontrollposten des Militärs an der Strecke, nicht zu machen. Die Militärposten sahen dabei meistens so aus, dass sich vor oder hinter jedem “Dorf” an der Straße eine Hütte steht, die manchmal nicht mehr als ein Verschlag ist. Dort wohnen und arbeiten die “Jungs” vom Militär, deren Aufgabe es ist die Schranke über der Straße zu bedienen. Nach einem Blick auf den Ausweis des Fahrers und die Fahrzeugpapiere folgt der sehr gewissenhaften Eintrag unserer Daten auf die Seite eines abgegrabbelten College-Blocks. Erst danach wird die Schranke betätigt und wir dürfen weiterfahren. In einem dieser Militärposten schauten die Jungs im Alter von 15 bis 21 Jahren aber zum Beispiel auch gerade “Rambo” und knuddelten einen zahmen Baby-Nasenbären Smiley … man erlebte einfach immer wieder was Neues!

Irgendwann kamen an der Strecke dann tatsächlich auch die Maut-Häuschen dazu, meist ein Co-Habitat eines Maut-Beamten und eines Militärs oder Polizisten. Wir trafen auf unser Erstes erst in der Dunkelheit kurz vor San Ignacio de Velasco, das wir um ca. 19Uhr erreichten – wir hatten also “nur” knapp sieben Stunden für die 360km gebraucht. An diesem Tag hatten wir somit 12h im Auto verbracht – und das konnten wir deutlich spüren. Wir kamen uns nach so einem Tag vor, als hätten wir ein weichgekochtes Gehirn … das Denken funktioniert nur noch langsam und generell fühlt man sich ein bisschen wie in Watte gehüllt und als würde alles mit einem nur noch in Zeitlupe passieren – weniger erstrebenswert, können wir sagen. Aber leider nun mal nötig, denn unsere Bekannte wartete ja in Cochabamba auf uns und würde Anfang Mai nach Deutschland fliegen. Wir mussten also Strecke machen, damit wir uns noch treffen würden! Doch leider waren es bis Cochabamba eben noch fast 950km … und einige weitere Tage mit weichgekochtem Gehirn würden uns somit bevorstehen.

Wir waren jetzt jedenfalls erstmal heilfroh San Ignacio de Velasco überhaupt erreicht zu haben, vor allem weil das Fahren bei Dunkelheit mit schlechter Straße und darauf laufenden Menschen ohne Beleuchtung noch mal eine erneute Herausforderung darstellte! Unser Ziel für die Nacht sollte die “Casa Suiza” werden, ein kleines Hostel in der Stadt, in dessen Garten max. zwei kleinere Reisefahrzeuge stehen können. Dank GPS (wie oft werden wir das in diesem Jahr wohl noch sagen?!) hatten wir schon den Punkt zum Hostel. Jetzt konnten wir also nur hoffen, dass auch jemand zu Hause war!
Gefunden war der GPS-Punkt schnell. Nur erkannten wir dort nichts, das einer “Casa Suiza” ähnelte und so suchte ich in der Dunkelheit drei Häuser an der Straße ab – bis ich an einer Hauswand ein kleines, aufgemaltes Schweizer Kreuz entdecken konnte. Es war fast ein bisschen wie Hinweise nach einem Geocache zu suchen Zwinkerndes Smiley. Doch damit erstmal nicht genug – wo war denn die Klingel? Oder irgendetwas, mit dem wir uns hätten bemerkbar machen können? Ich kam da ohne “Hint” nicht weiter. Ein kleiner bolivianischer Junge, der mich wohl beobachtet hatte, kam mir über die Straße zur Hilfe geeilt und zeigte mir die Klingel – man musste durch das Eingangstor in den Innenhof greifen! Da hätte ich ja noch ‘ne Weile suchen können!
Jetzt jedenfalls klingelten wir und eine ältere Frau kam zum Tor. Sie ist Schweizerin und zusammen mit ihrem Mann, einem Deutschen, sind sie die ehemaligen Besitzer der “Casa Suiza”, gleich nebenan. Doch in der “Casa Suiza” läuft schon längst nicht mehr alles so, wie zu Bestzeiten, erzählte uns die Schweizerin. Aufgrund ihres Alters haben sie und ihr Mann irgendwann entschieden das Hostel aufzugeben. Seitdem wird es von einer Bekannten weitergeführt. Doch obwohl das Hostel in unserem Reiseführer sogar noch als “Geheimtipp” geführt wird, bleiben seit einiger Zeit die Touristen weg und die neue Besitzerin scheint eher wenig Interesse an der Weiterführung des Hostels zu haben. Bleiben konnten wir aber trotzdem. Die neue Besitzerin sahen wir dabei nie und bezahlten die 40 Bs für die Nacht bei den ehemaligen Besitzern. Abends saßen wir noch ein Weilchen mit den beiden auf ihrer Terrasse, bevor wir völlig müde und erschöpft ins Bett fielen.

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An der Plaza in San Ignacio de Velasco.

Am nächsten Tag ging es für uns dann auch genauso weiter, denn jeder Tag stand jetzt unter dem Motto der Kilometer. Wir wollten es von San Ignacio bis nach Warnes kurz vor Santa Cruz schaffen, immerhin fast 500km. Auch dort hatten wir wieder eine Anlaufadresse, die uns nicht nur von der “Casa Suiza”, sondern auch durch die GPS Punkte anderer Reisender empfohlen wurde. Doch erstmal die 500km bei heißen Temperaturen und den “typischen bolivianischen Problemen” überstehen.
Immer wieder gibt es Maut-Häuschen an der Strecke, an denen man für Teilabschnitte bezahlt oder gleich sein Tagesziel angibt, und dann einen höheren Betrag löhnt. Hier – wie auch sonst immer!!! – mussten wir verstärkt darauf achten, dass einem auch das boleto (Ticket) über den bezahlten Betrag ausgehändigt wird, denn alles ohne Ticket können sich die Leute natürlich selbst in die Tasche stecken und muss im Zweifel doppelt bezahlt werden.
Auch das Tanken – das uns an diesem Tag in Concepción bevorstand – wurde zu einer echten Herausforderung. Aber egal, schließlich sagten wir uns, dass wir nur so hinter die Tricks kommen, mit denen man hier manchmal versucht ein paar Bolivianos nebenbei zu verdienen.
Generell ist das Tanken in Bolivien eine Geduldsprobe, denn falls Benzin an einer Tankstelle gerade vorrätig ist, erkennt man dies an der langen Schlange der Wartenden. Ein weiterer Grund ist, dass der Treibstoff durch den Staat stark subventioniert ist und der Benzinpreis daher bei 4 Bs/L also umgerechnet 45ct liegt. Dies gilt aber seit einigen Jahren nur noch für Bolivianer und das KFZ-Kennzeichen wird bei jedem Tankvorgang notiert. Für den Fall, dass Touristen mit dem eigenen Auto Sprit bekommen gibt es einen “Ausländertarif” von 9 Bs/L. Dies scheint die Tankstellen aber vor einen enormen Verwaltungsaufwand zu stellen, jedenfalls verweigerten uns schon etliche Tankstellen die Abgabe von Benzin mit der Begründung angeblich nicht an Ausländer verkaufen zu dürfen. Ob aus Unwissenheit oder Faulheit können wir nicht sagen. Wir wissen jedoch mittlerweile, dass aufgrund eines blühenden Schmuggels von subventioniertem Treibstoff ins Ausland die staatlichen Kontrollen sehr streng geworden sind und viele Tankstellenpächter verunsichert haben. Wenn man aber Sprit bekommt und die Tanknadel nicht schon auf Reserve steht, sollte man natürlich versuchen eine Quittung über den Preis von 9 Bs/L zu bekommen, sonst wandern nämlich garantiert 5 Bs/L in die Tasche des Tankwarts Smiley.

Und so ging es dann von San Ignacio in Richtung Warnes: Wir kamen an “interessant geformten” Steinformationen vorbei, begegneten mal wieder einem deutschen Rentner-Reisepärchen und sahen einen Jaguarundi am hellichten Tag über die Straße huschen.

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Seltsame Steine am Wegesrand.

Als es später Nachmittag wurde kam dann unsere erste, richtige Begegnung mit der Polizei Smiley. An einer Straßenkontrolle wurden wir natürlich angehalten. Interesse an unserem Auto kannten wir ja auch schon zur Genüge. Dieses Mal jedoch wurden wir direkt nach der Registrierung unseres Autos durch die bolivianische Polizei gefragt – eine Art “Dokument”, die wir – laut Polizist – auf unserer Strecke von San Matías eigentlich schon längst hätten bekommen sollen, aber das “wäre dann leider ein Fehler seiner Kollegen”. Wir wussten zwar, dass diese sogenannte “Registrierung” eigentlich kostenlos ist – hier sollten wir nun aber 40 Bs dafür zahlen. Drum herum gekommen sind wir hier aber leider nicht – die halbe bis 3/4 Stunde Verhandlung mit dem Beamten brachte uns weder unserem Ziel Warnes  näher, noch sonst irgendwie weiter und so haben wir trotz besseren Wissens in diesem Fall die geforderten ca. 5€ bezahlt. Angesichts unserer körperlichen und geistigen Verfassung, sowie der Tatsache, dass sich die Sonne schon ziemlich tief über dem Horizont stand, waren wir einfach nur froh endlich weiterfahren zu können.  Zu all unserem Glück hatte sich, während wir mit den *§$%*’#* der Polizei diskutierten, unter dem Pinzi eine große Pfütze gebildet und es rann auch weiterhin in dickem Strahl auf die Straße. Da es ziemlich genau aus der Ecke unseres Tanks rann, und bei einem luftgekühlten Fahrzeug sich Kühlwasser relativ sicher ausschließen lässt, war der Schock entsprechend groß! Die Erleichterung folgte aber gleich nach einer Geruchsprobe – zum Glück doch nur Wasser! Stellte sich die Frage, wo all das Wasser herkam? Des Rätsels Lösung war einer unserer prall gefüllten schweizer Wassersäcke. Als einer der Herren der Polizei zur Überbrückung der Wartezeit noch eines unsere vielen Dokumente sehen wollte, müssen wir beim Herausholen versehentlich den Verschluss geöffnet haben, mit dem Ergebnis, dass sich 20L Wasser im Wagen verteilten, alles gründlich durchnässten und durch die Getriebeabdeckung auf die Straße flossen. Ach, was war das schön! Zwinkerndes Smiley Unsere Stimmung näherte sich langsam aber sicher dem Tiefpunkt.

Doch damit nicht genug, denn bekanntlich kann es ja immer noch schlimmer kommen. Mit Vollgas folgten wir also unserer Route Richtung Warnes, die uns knapp 20km hinter der Polizeikontrolle an das Ufer des mächtigen Río Grande O Guapay führte. Eigentlich ein sehr schöner Fluss, vor allem in der Abendstimmung – doch unsere Route ging auf der anderen Seite weiter … und eine Brücke war weit und breit nicht in Sicht. Da guckten wir erstmal ganz schön doof. Die einzige Möglichkeit an dieser Stelle den Río Grande O Guapay zu überqueren ist nämlich per Floß!
Diese lagen am schlammigen Ufer vertäut und sahen aus wie überdimensionierte Nusschalen. Ein Glück, dass der Fährverkehr noch stattfand – zumindest ein Flösser verkehrte noch über den breiten, trüb-grauen Fluss soweit wir das aus der Entfernung ausmachen konnten. Es trennte uns jedoch noch der einige hundert Meter breite, schlammige Uferstreifen von den Flössern und in dem Gewirr von Wegen ließ sich nicht erkennen wie wir zu ihnen gelangen könnten. Nachdem wir in einer Sackgasse drehen wollten und dabei die Vorderräder vollständig im Schlamm versackten, konnte auch die Möglichkeit des Querfeldein-Fahrens ausgeschlossen werden. Mit Allrad und allen Sperren konnten wir uns zum Glück doch noch ohne schaufeln zu müssen befreien, und fanden dann auch schließlich den richtigen Weg.  Ohne weitere Kraft und Lust  zu Verhandeln wurden wir, der Pinzi und zwei weitere Passagiere inklusive Mofa für 150 Bs über den Fluss transportiert. Uns war mittlerweile nur noch wichtig, dass wir heute irgendwie Warnes erreichten – wo uns dann ja noch das Trockenlegen des Autos bevorstand.

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Am Río Grande O Guapay warten die Flösser darauf, dass der Pinzi über die Bracken auf das Floss fährt.

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Einmal an Bord, geht’s mit voller Kraft über den Fluss …

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… und unsere Weiterfahrt auf der anderen Uferseite des Río Grande O Guapay war gesichert.

Von jetzt an wurde es zumindest nicht schlimmer. Wir fuhren in die Dunkelheit hinein und nahmen den kürzesten Weg nach Warnes, der sich aber nicht als der Schnellste herausstellte, da es sich hauptsächlich um Feldwege handelte. Unsere Zusatzscheinwerfer von Rosi und Klaus waren uns leider hier keine große Hilfe, da so unglaublich viel Staub in der Luft lag, dass schon unser Abblendlicht uns durch die Reflexion extrem blendete. Wir schafften es aber trotzdem alle Kollisionen mit auf der Straße stehenden Kühen oder Radfahrern abzuwenden. Vollkommen erschöpft erreichten wir in völliger Dunkelheit die Farm der Familie Kranewitter, österreichisch-deutsche Auswanderer, die hier einen Hof (mit echten Pinzgauer-Rindern! Smiley) und ein Restaurant  (nur Sonntags geöffnet) betreiben. Man, was waren wir froh als wir dort endlich ankamen, bleiben durften – und das sogar umsonst. Es gibt zwar “nur” ein kleines Klohäuschen mit Wasser, keine Dusche, aber uns war das alles gerade Recht. So Recht, dass wir in unserem fertigen Zustand und der Tatsache unseres gefluteten Autos auch gleich den ganzen nächsten Tag hier verbrachten und irgendwie versuchten die Feuchtigkeit aus dem Auto zu vertreiben.

Gut tat uns dieser “Ruhetag”, an dem wir viel über die Kranewitters und ihre Geschichte in Bolivien erfuhren … nicht immer erfreulich, denn nicht mal zwei Jahre ist es her, dass einer ihrer Söhne von korrupten Politikern aus Warnes enteignet wurde. Man hatte ihm einfach die Farm weggenommen. Er hat inzwischen 12 Prozesse gewonnen und sogar vor dem höchsten bolivianischen Gericht Recht bekommen, doch passiert ist seitdem nichts und das Land hat er bisher nicht wiederbekommen. Finanziell hat das die ganze Familie ziemlich mitgenommen, dennoch wollen sie bleiben. Wir konnten bei so viel Unrecht wirklich nur den Kopf schütteln. Es ist in unserem kurzen Aufenthalt in Bolivien aber nicht das erste Mal, dass wir hören wie sehr sich die Situation für in Bolivien lebende Ausländer in den letzten Jahren verschlechtert hat.

Nach unserem “Ruhetag” sollte uns unsere nächste Etappe von Warnes ins Chapare führen, eine Provinz im nördlichen Teil des Departamento Cochabamba und DAS Koka-Anbaugebiert Boliviens. Die Provinz liegt dabei im tropischen Tiefland und ist größtenteils von Urwald bedeckt, landschaftlich also sehr reizvoll aber touristisch wenig bis gar nicht erschlossen. Unser Reiseführer sagt über diese Region genau das Gleiche– sie sei wunderschön und nahezu unberührt, doch als Tourist täte man gut daran sich nicht abseits der großen Straßen zu bewegen. Denn die Kokapflanze liefert eben leider nicht nur den Rohstoff für Boliviens beliebte Kokablätter, sondern auch die Grundlage zur Herstellung von Kokain … und mit so manchem Cocalero (Kokabauer), der seine Finger auch in der Drogenproduktion hat, ist im Urwald vom Chapare nicht zu spaßen. Dabei wurde bis in die 1960er Jahre hier gar keine Koka angepflanzt. Erst als die Weltmarktpreise für Zink zu sinken begannen, wanderten besonders in den 1980er Jahren viele Minenarbeiter aus dem Gebirge (so auch die Familie von Boliviens derzeitigem Präsidenten) in das Tiefland ab und versuchten ihr Glück als Cocaleros.

Unser Ziel in dieser Region war das Touristennest Villa Tunari, das mit allen Mitteln versucht seinen Ruf als Ökotourismus-Ort aufzumöbeln und auszubauen. Leider werden diese Bestrebungen Villa Tunaris wohl solange nicht fruchten, solange Chapare als unsichere Reiseregion gilt und sich nichts Grundlegendes an der dort illegalen Kokainindustrie ändert. Schade eigentlich, denn was wir vom Chapare und Villa Tunari gesehen haben, gefiel uns sehr gut. Die Landschaft ist hügelig bis bergig. Gurgelnde, klare Flüsse durchziehen die Urwaldtäler. Eine wirklich schöne Gegend.

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Typische Landschaft der Chapare-Provinz – sanfte Hügel voller Urwald und rauschende Bergflüsse … hier kurz hinter Villa Tunari am Río Chapare vor dem Aufstieg in die Cordillera Oriental.

Auch hier hatten wir natürlich wieder “Kontakt” mit der Polizei – an einer Kontrollstation versuchte man uns weißzumachen, dass wir zu schnell gefahren seien und geblitzt worden wären. Wäre aber kein Problem soweit, mit dem Bezahlen des Bußgelds von 100 Bs könnten wir direkt weiterfahren. Dieses Mal blieben wir aber stur, blieben vor dem Kontrollposten stehen, gingen nicht mehr weg und blockierten zum Teil den anderen Lkw-Fahrern den Weg. Nach ca. 20 Minuten hatte der Beamte dann wohl eingesehen das wir nicht so schnell klein beigeben und wir konnten einfach weiter. Schön war hier aber zu sehen, was wir sonst ja nur vermutet hatten: Praktisch jeder vorbeikommende Lkw-Fahrer “überreichte” dem Polizisten beim Vorzeigen der Papiere ein Schmiergeld – wirklich fast jeder!!! Dabei waren die Beträge immer völlig unterschiedlich. Die Münzen oder Scheine wanderten von der Hand des Polizisten über einen Schlitz in der Tischplatte direkt in die darunterliegende Schublade …

Auch das Tanken gestaltete sich auf unserem Weg nach Villa Tunari wieder als ziemlich schwer – wir mussten in einer Stadt drei Tankstellen anfahren, um Benzin zu bekommen – und das auch nur in begrenzter Menge. Die erste Tankstelle wollte uns zwar den Sprit zu dem Touristenpreis verkaufen … aber nur ohne Quittung. Also fuhren wir erstmal weiter. Die nächste Tankstelle sagte, dass sie an Ausländer keinen Sprit verkaufen würden. Und so ging es dann zur nächsten Tankstelle – doch auch hier sah es zunächst nicht sehr vielversprechend aus. Ob wir denn mit Kanistern vorbeikommen könnten – ohne das Auto? Das wäre kein Problem, sagte uns dann die nette Tankwartin Smiley. Also parkten wir den Wagen außerhalb des Blickfeldes der Überwachungskamera, kehrten mit allen unseren Kanistern an die Säule zurück und bekamen endlich unser Benzin … und das sogar für nur ungefähr 6 Bs Smiley inklusive Trinkgeld.  Als wir nach 120 Litern erklärten, dass das alles sei, war sie dann aber auch sichtlich erleichtert … ihre Kollegen guckten inzwischen schon etwas misstrauisch zu uns hinüber.

Die letzte ca. 160km lange Etappe auf dem Weg nach Cochabamba traten wir dann an einem Sonntag an. Während es im tropischen, 300m hoch gelegenen Villa Tunari schwül-feuchte 32°C hatte, veränderte sich das Klima auf unserem Weg nach Cochabamba zusehends. Dabei führte uns der Weg zunächst immer entlang des wunderschönen und ursprünglichen Río Chapare, einem der wasserreichsten Flüsse Boliviens, der in den Amazonas mündet. Es war fast schon ein bisschen schade, dass wir nun den tropischen Teil Südamerikas hinter uns lassen würden … aber die Anden lagen nun ja vor uns, zum Greifen nah, und hier würde es ebenso viel Neues zu entdecken geben!

So schraubten wir uns also über die Ruta 4 von Villa Tunari immer weiter hinauf in die Cordillera Oriental, die sich im zentralen Bolivien über 1.200 km in nord-südlicher Richtung erstreckt. Mitten durch den Dschungel führt hier die neue Straße von Santa Cruz nach Cochabamba, immer höher in die Berge hinauf. Man fährt hier zusammen mit vielen Lkw, Bussen und anderen Pkw – die Straße ist voll. Immer wieder öffnet sich der tropische Regenwald und gibt eine kleine Siedlung frei, in denen die Menschen Obst, Snacks und Autozubehör am Straßenrand verkaufen. Der andere große Geschäftszweig ist auch hier der Kokaanbau. In dem feuchten, nicht zu heißen Klima an den steilen Hängen der Cordillera wachsen die Pflanzen am aller besten, und so verwundert es nicht das wir am Wegesrand viele Menschen sehen, die ihre geernteten Kokablätter auf Planen in der Sonne trocknen.

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Einer der vielen Obststände am Wegesrand – allein wieviele verschiedene Sorten Bananen es hier gibt, ist schon sehr erstaunlich.

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Auf großen Planen oder Tüchern werden vor dem Haus in der Sonne die Kokablätter getrocknet … zum Wenden der Blätter läuft man einfach Barfuß durch die Blätter.

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Rechts und links der Straße Grün soweit das Auge reicht.

Der Regenwald verändert sich hier mit jedem Meter – auf Flussniveau noch feucht und warm wird das Klima kühler je höher man kommt … der Üppigkeit des Waldes tut das jedoch erstmal keinen Abbruch. Nachdem wir den Regenwald hinter uns gelassen hatten, bestimmten trockenes Gras, Büsche und einige Nadelbäume die Landschaft. Es scheint als strahle die Sonne hier noch unbarmherziger vom stahlblauen Himmel herab und wir sind in einer anderen Welt. Hier ist es kalt, windig und alle Farben wirken intensiver.

Bei 3250m Höhe erreichten wir die Laguna Corani in einem Hochtal der Cordillera, einem künstlichen Stausee mit einer Größe von 18km2, der Cochabamba mit Trinkwasser und Elektrizität versorgt. Die Durchschnittstemperatur der Region hier oben beträgt knapp 11°C … und wärmer konnte es auch bei unserem Besuch hier nicht gewesen sein! Wir hielten am Straßenrand an, um uns mit Pullovern, langen Hosen und Socken auszurüsten … denn bis auf 3700m steigt die Passstraße hier an, bevor man in das Cochabamba-Tal herunterblicken kann. Der Motorleistung des Pinzgauers merkten wir die fast 4000m Höhe an, bei uns hingegen machten sich, von kalten Füßen mal abgesehen, keine Beschwerden bemerkbar Zwinkerndes Smiley.

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Die Laguna Corani auf ca. 3300m. Keine Spur mehr vom Regenwald nur ein paar hundert Meter unterhalb. Dafür Sonne, Kälte und trockener Wind.

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Laguna Corani – 18km2 groß in einem Hochtal der Cordillera Oriental an der Ruta 4 in Richtung Cochabamba.

Und so rollten wir unserem Ziel, der Hauptstadt des Departementos Cochabamba, entgegen. Hindurch durch wuselige Vorstädte wie Sacaba und immer mit Blick auf Cochabambas eigene Christus-Statue. Die Temperatur hatte wieder angenehme 26°C erreicht, als wir bei strahlendem Sonnenschein, passend zu einer Tasse Kaffee, bei unseren Bekannten in Cochabambas Stadtteil Villa Moscú eintrafen.

Und nun gilt es also zum ersten Mal seit dem Anfang unserer Reise eine große Stadt (die wir bisher ja eher gemieden haben) zu entdecken … wir sind sehr gespannt!

P.S.: Ein Fazit wird es dieses Mal erst nach Beendigung unserer Zeit in Bolivien geben.

P.P.S.: Schon sehr erstaunlich, wie viel man in NUR 4 Tagen von der brasilianischen Grenze bis nach Cochabamba erleben kann! Smiley

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2 Gedanken zu „Bolivia for Beginners

  1. Sonja

    Hallo Ihr Beiden

    toller Bericht aus Bolivien den ihr geschrieben habt.
    Wünsche Euch weiterhin viel Spass, ein kühles Hirn, weniger korrupte Polizei, eine unfallfreie Fahrt und keinen
    zickigen Pinzi 🙂

    Grüsse aus der Schweiz
    Sonja

  2. Max

    Hallo,

    seit ich eure Seite entdeckt habe, komme ich regelmäßig hierher und schaue nach, was es Neues gibt. Es ist immer wieder toll, eure Reiseberichte zu lesen und sich die genialen Fotos anzusehen. Auch wenn ich mittlerweile eigentlich zu alt für so eine Reise bin (Frau, Beruf, Verpflichtungen), würde ich es euch so gerne gleichtun und einfach eine Auszeit nehmen und losziehen.
    Ich wünsche euch noch viele tolle und immer positive Erfahrungen, damit ihr uns hier mit euren Berichten begeistern könnt.

    Beste Grüße aus „der anderen Welt“!

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