Im ewigen Frühling

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28.04.2013 – 25.06.2013

(Departemento Cochabamba: COCHABAMBA – Unser Leben in Villa Moscú, ICBA Sprachschule, Cochabamba erleben, unsere Praktika)

Nach den doch sehr erlebnisreichen Tagen, die uns von der brasilianisch-bolivianischen Grenze bis hierher gebracht haben, waren wir sehr froh über die nun vor uns liegenden Wochen mit (hoffentlich) etwas mehr Ruhe in Cochabamba. Bei unseren Freunden im Stadtteil Villa Moscú wurden wir jedenfalls herzlich aufgenommen und auch unsere Angst, dass der Pinzgauer möglicherweise nicht auf dem Grundstück würde stehen können, lösten sich direkt in Wohlgefallen auf. Der Pinzgauer bekam einen Sonderplatz (der erst noch ein wenig “frei” gemacht werden musste) und wir somit einen perfekten Blick auf Cochabambas 5.035m hohen “Hausberg” Cerro Tunari. Wir haben uns eigentlich vorgenommen diesen Berg noch zu besteigen – Mal sehen, ob wir das noch schaffen! Smiley

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Für den neuen Parkplatz des Pinzgauers musste ein alter Wäscheleinen-Ständer weichen.

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Blick über die Dächer von Villa Moscú auf den über 5.000m hohen Cerro Tunari.

Wir befinden uns nun also fast im geographischen Mittelpunkt Boliviens, auf halbem Weg zwischen Altiplano und den tropischen Tiefebenen im Osten. Cochabamba ist hier der geschäftliche Mittelpunkt in Boliviens ertragreichster Landwirtschafts-Region, dem Cochabamba-Tal. Schon die Inka erkannten die Vorzüge des Tals und begannen hier im 16. Jahrhundert mit dem Anbau von Mais. Vermutlich waren sie auch an der heutigen Namensgebung der Stadt beteiligt, denn Cochabamba stammt aus der Quechua-Sprache und bedeutet “sumpfige Ebene“ (khocha = “Wasser“/ ”Sumpf“ und pampa = “Ebene“). Heute zeugt noch die Laguna Alalay im Zentrum der Stadt von den Sümpfen der Gegend. Nach der Unterwerfung der Inka durch die spanischen Kolonialisten begannen auch diese mit der landwirtschaftlichen Nutzung des Tals, indem sie Getreide-Haciendas gründeten und so die Arbeiter der Silberminen in Potosí versorgten.

Von der ganzen Landwirtschaft bekommt man im Stadtzentrum und den umliegenden Wohnvierteln, so auch in Villa Moscú, jedoch nur noch wenig mit, denn heute ist Cochabamba eine moderne Stadt mit mehr als 600.000 Einwohnern und einer der bedeutendsten Universitäten Boliviens. Sie wird, zumindest von unserem Reiseführer, auch “Stadt des ewigen Frühlings” genannt, da Cochabamba das ganze Jahr hindurch von einem sehr sonnigen Klima profitiert, dass sich auch in den Offenheit und Freundlichkeit der Cochabambinos widerspiegelt. Nicht umsonst wurden wir hier sehr schnell darauf hingewiesen, dass es einen großen Unterschied zwischen Cochabambinos und dem Rest der Bolivianer gibt – man ist hier sehr stolz auf seine allgemeine Weltoffenheit und Gastfreundlichkeit.

Villa Moscú ist ein Teil dieser großen Stadt und liegt an den nördlichen Hängen, also über dem eigentlichen Zentrum … und dem Smog. Denn den gibt es hier an manchen Tagen leider auch, selbst wenn die Stadt mit 600.000 Einwohnern eher eine kleine Großstadt ist. Aber die Lage Cochabambas in einem Talkessel führt an manchen Tagen dazu, dass kaum Wind durch die Straßen streicht und der Staub und die Abgase über der Stadt hängen bleiben.
Villa Moscú bleibt davon aber verschont, da man hier noch mal 200m über dem Zentrum der Stadt liegt. Der Stadtteil sehr ruhig – es gibt viele Wohnhäuser, die immer wieder unterbrochen sind von kleinen Kiosken, in denen man sich mit den grundlegenden Lebensmitteln versorgen kann. Das Grundstück auf dem wir hier leben ist ein terrassiertes Hang-Grundstück, auf dem vier Häuser stehen. In ihnen wohnen zum Teil Kinder von Gisela und ihre Familien, sowie andere Mieter, wie dem richtig netten, über 70-jährigen Österreicher Friedel und dem Amerikaner Tony. Es gibt hier viele Bäume und immer wieder Beete mit Weihnachtssternen, verschiedenen Kakteen, Palmen, Avocado- und Zitrusbäumen, sowie Aloe-Pflanzen, an deren Blüten die Kolibris zum Trinken vorbeischauen.

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Blick auf das Haus, in dem wir wohnen durften.

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Ein Blick in unser Zimmer.

Für die Zeit der Sprachschule und des eventuell folgenden Praktikums verließen wir den Pinzgauer nun aber tatsächlich das erste Mal seit drei Monaten und sind in das Gästezimmer unserer Freundin Gisela eingezogen. Das allmorgendliche Ritual des Bett-Abbauens um an Anziehsachen zu kommen wollten wir uns für diese Zeit sparen. Und so lebten wir eben seither im Gästezimmer, durften Giselas Kühlschrank und Küche benutzen und leisteten dem Pinzgauer Nachmittags Gesellschaft, wenn wir draußen in der Sonne saßen oder im Garten arbeiteten. Denn als Dankeschön dafür, dass wir hier umsonst leben durften, haben wir uns ein wenig im Garten nützlich gemacht und halfen Bäume zu fällen und Pflanzen zu stutzen. Das bisschen Arbeit im Garten schreckte uns ja nicht ab, im Gegenteil, wir mögen es ja sogar sehr gerne! Und so können wir schon jetzt sagen, dass wir unseren Greifzug wenigstens nicht umsonst mitgenommen haben Smiley.

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Freischneiden der Stromleitungen.

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Dieser Molle-Baum bedrohte die Zisterne.

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Der Greifzug war eine große Hilfe, um die Äste in die richtige Richtung zu ziehen.

Gesellschaft bei unserer Freizeit im Garten leisteten uns die Grundstücks-eigene Hundebande, die zeitweise 13 Hunde umfasste Smiley. Ganz besonders ins Herz geschlossen haben wir dabei Alberich (da sie der kleinste Welpe aus einem der insgesamt zwei Hundewürfe war und wir gerade einen Münster-Tatort gesehen hatten Zwinkerndes Smiley), sowie Spotty und Brownie, die uns bei unserer Ankunft zwei Tage lang noch misstrauisch verbellten, mittlerweile aber die Anhänglichsten sind Smiley.

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Alberich.

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Florian zusammen mit Brownie, Spotty und Fuschel.

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Brownies sieben Wochen alte Welpen.

Das Wetter hier in Cochabamba war übrigens wirklich wunderbar. Jeden Tag schien ganz verlässlich die Sonne und es wärmte sich auf angenehme 24-28°C auf, bevor ist in der Nacht auf ca. 2-10°C abfiel. Kein Wunder also, dass man hier vom ewigen Frühling sprechen kann. Nach den vielen anstrengenden tropischen Nächten mit über 28°C waren die kühlen Nächte hier eine absolute Wohltat.

Um unseren Kenntnissen der spanischen Sprache ein wenig unter die Arme zu greifen, hatten wir nach unserer Ankunft in Cochabamba ziemlich schnell den Entschluss gefasst, hier einen zweiwöchigen Sprachkurs zu machen. Dank Giselas Hilfe fiel unsere Wahl der Sprachschule auf das ICBA (Instituto Cutural Boliviano Alemán, eine Art kleiner Bruder des Goethe-Instituts). Dabei hatte jeder von uns Einzelunterricht in Castellano, wie die spanische Sprache hier genannt wird. Zwei Wochen lang, jeweils Vormittags 4 Stunden. Während Florians Lehrer “Franz” (angeblich kein ungewöhnlicher Name in Bolivien) nur ein paar Jahre älter als wir war, hatte ich Unterricht bei Evelin, einer Mitte 50-jährigen. Beide waren auf ihre eigene Art wunderbar und haben sich die größte Mühe gegeben uns in den zwei Wochen das Allerwichtigste des südamerikanischen Spanischs beizubringen … und uns nebenbei noch einige Tipps in und um Cochabamba zu geben. Es hat uns sehr gut gefallen und auch einiges gebracht … wir verstehen jetzt so gut wie alles, was gesagt wird. Unsere einzige Schwachstelle ist eben der eigene Gebrauch der Sprache und natürlich die fehlenden Vokabeln … aber daran müssen wir selber noch arbeiten.

Nach dem Sprachkurs hatten wir eine “Freiwoche”, in der wir jeder nach einem geeigneten Praktikumsplatz in Cochabamba suchten, und die Stadt und die Alltäglichkeiten des Lebens hier für uns entdeckten:

  • Zum Beispiel kann man in den ausgelagerten Stadtvierteln, wie Villa Moscú, seinen Müll nicht einfach in Mülltonnen stecken. Man bringt hier den Müllmännern (jeden Mo, Mi und Fr) den Müll in Tüten zum Müllwagen an die Straße, wo sich die Müllabfuhr durch eine Laute „Triangel“ schon drei Straßen vorher ankündigt hat. Hier in Villa Moscú läutet die “Triangel” in unserer Straße um 6.30Uhr. Das finden wir sehr früh und daher nehme ich den Müll immer mit hinunter in die Stadt, wo es reguläre städtische Mülltonnen gibt.
  • Das öffentliche Verkehrsnetz in Cochabamba ist großartig – es gibt Taxis, Micro-Busse, Mini-Busse (Trufis) und Taxi Trufis. 1000 verschiedene Namen für eine Vielzahl von Möglichkeiten sich durch die Stadt und darüber hinaus zu bewegen. Das Großartige daran: Der Preis ist immer der Gleiche! 1,70 Bs (ca. 9 Bs = 1 €) für eine Fahrt, egal wohin man fahren möchte. Man steigt ein, zahlt und kann solange mitfahren, wie man will!
    Auch ganz praktisch ist dabei die Tatsache, dass man Haltestellen eigentlich nicht braucht! Es gibt sie zwar – offiziell – aber benutzen tut sie kaum jemand. Man steigt durch Handzeichen irgendwo an der Route ein und macht seinen Wunsch des Aussteigens durch “La esquina, por favor” oder “Voy a bajar” einfach irgendwann deutlich. Der Bus hält, man steigt aus. Wen es interessiert, bzw. wer sich selber mal in den öffentlichen Verkehrsdschungel Cochabambas stürzen möchte, dem sei diese
    Internetseite ans Herz gelegt!
  • Musik ist in Cochabamba ein ständiger Begleiter, besonders natürlich am Wochenende. Das soll ja angeblich für Südamerika sehr typisch sein – es fiel uns aber hier zum ersten Mal richtig auf. Schade nur, dass unser Nachbar auf der gegenüberliegenden Straßenseite – eine vermutlich illegale Autowerkstatt – leider nur eine einzige CD mit vielen, immer wiederkehrenden bolivianischen Folklore-Liedern zu haben schien! Zwinkerndes Smiley
    Die Musik ertönt aber generell überall – aus den Wohnhäusern, aus fahrenden Taxis, Werbe-Autos und selbst aus Geldautomaten  oder in den öffentlichen Bussen wird man mit Musik dauerbeschallt. Welche Art von Musik obliegt dabei natürlich dem Busfahrer. Gehört haben wir hier wirklich schon alles: Von “Queen” über „Modern Talking“!!! und PSY mit seinem “Gangnam-Style” bis hin zur typisch-bolivianischen Panflötenmusik  Smiley.
  • Über Bolivien kann man sicher vieles sagen, aber nicht, dass es teuer wäre! Es ist das erste Land unserer Reise, in dem das Leben wirklich unglaublich günstig ist. Besonders profitieren wir natürlich vom günstigen Sprit und von den günstigen Lebensmitteln! Nur ca. 2km von uns entfernt gab es einen riesigen, unglaublich guten Supermarkt, der das frischeste und knackigste Gemüse und Obst seit Beginn unserer Reise verkaufte! Das war so toll, dass man hier gar nicht mehr weg wollte. Und auch die Auswahl – das haben wir in ganz Südamerika noch nicht erlebt!
  • Das bolivianische Essen! In noch keinem anderen Land haben wir so viel von der einheimischen Küche mitbekommen, wie in Bolivien. Das verwundert aber auch nicht, wenn man bedenkt, dass wir hier wirklich zwei Monate waren. Alles in allem dominieren hier natürlich auch Brot und Fleisch – in jeder Form. Aber es gibt auch viele Suppen mit Gemüse, Kartoffeln in jeder Zubereitungsart, sowie Reis. Hier erwähnen wollen wir aber die Lebensmittel, die für uns völlig neu und eigentlich auch erwähnenswert waren:
  • Cuñapes – Cuñapes sind Mandarinen-große Käse-Brot-Bällchen, die man überall kaufen kann. Sie werden aus Maniok-Mehl, Eiern, Käse, Milch, Wasser und Salz gemacht. Als kleine Snacks zwischendurch finden wir sie wirklich großartig. Florians Spanischlehrer Franz gab uns den Tipp, die Cuñapes warm zu probieren – und tatsächlich schmecken sie uns dann noch besser … auch wenn es sich dann ein bisschen anfühlt, als würde man in einen Gummiball beißen Smiley.13 (1)
  • Locotos – Locotos sind sogenannte “Baumchillis”, die es in klein und dick oder lang und schmal gibt. Der Baum (Capsicum pubescens) ist von allen domestizierten Paprika-Verwandten der am wenigsten verbreitetste. Vergleichen würden wir Locotos aber auf jedenfall mit Chillis. Es gibt sie in gelb, grün und rot, wobei die roten Locotos die “feurigsten” sind Smiley!

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  •  Tumbos – Tumbos sind besondere Maracuja-Früchte (Passiflora tarminiana). Sie werden aufgrund ihrer Form auch als “Banana Passion Fruit” bezeichnet und ranken, wie alle Passionsblumen, an anderen Pflanzen empor. Hier im Garten gibt es auch eine Pflanze, allerdings haben uns die probierten Tumbos eher weniger geschmeckt, denn außer der alles dominierenden Säure hat die Tumbo leider keinen so markanten Eigengeschmack wie eine normale Maracuja.

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  • Pacays – die Pacay ist ebenfalls eine Frucht, die wir noch nie zuvor gesehen – und geschmeckt Zwinkerndes Smiley – haben. Sie wird auch als Eiscreme-Bohne bezeichnet Smiley. Pacays sind lange, oliv-grüne Schoten des Inga feuilleei-  oder eben Pacay-Baumes. Öffnet man die pelzigen Schoten, liegen dort die Kerne – eingebettet in einer Masse, die aussieht wie Zuckerwatte, die aber ein bisschen wie Vanille-Eis schmeckt Smiley … ziemlich süß und daher leider nicht ganz unser Geschmack. Bolivianische Kinder sind aber verrückt danach.
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  • Salteñas – Salteñas sind eines der Nationalgerichte Boliviens. Im Großen und Ganzen sind das nichts anderes als gebackene oder frittierte Empanadas, also Teigtaschen. Gefüllt werden sie mit dem, was die Küche so hergibt … Fleisch ist aber ein Muss, egal ob Rind, Huhn oder Schwein und immer in Kombination mit einer Sauce, so dass die Taschen innen heiß und flüssig sind! Cochabamba und Sucre sagen von sich selbst, dass sie die besten Salteñas machen würden. Viel sagen können wir dazu noch nicht, wir kennen ja erstmal nur die aus Cochabamba Smiley!
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  • Singani – Boliviens Nationalschnaps, ein Weinbrand aus Tarija, der in Bolivien als Bestandteil vieler Cocktails genutzt wird.
  • Api – Api ist ein traditionelles Getränk der Anden-Hochländer Bolivien und Peru. Es ist ein süßes Heißgetränk aus Mais, Limonensaft und Zimt, wobei es eine gelbe (Api blanco) und eine lilafarbene Api Variante (Api morado) gibt. Macht satt Smiley und ist gar nicht mal so übel.
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  • Tallarín – ist in Bolivien die Bezeichnung für so gut wie jedes Nudelgericht! Nudeln selber aber heißen fideos.
  • Albóndigas de Lentejas – Albóndigas sind eigentlich Fleischklößchen aus Hackfleisch. Die Fleischvariante gibt’s hier – wie sollte es anders ein – natürlich auch. Aber Albóndigas de Lentejas sind aus Linsen, Ei, Kichererbsenmehl und Gewürzen. Sie haben ungefähr die Größe von Falafel, werden in der Pfanne angebraten und schmecken wirklich richtig lecker.
  • Pastelitos – ein Pastelito ist eine frittierte Teigtasche gefüllt mit Käse. Oben drauf wird – erstmal ungewöhnlicherweise – Puderzucker gestreut. Klingt komisch, schmeckt aber richtig gut! Ein traditionelles Getränk dazu wäre ein heißer Api Smiley.
  • Arroz Tostado – Popcorn war gestern … in Bolivien werden auch gerne andere “Körner” zu Puff-Varianten verarbeitet. So auch ganz normaler Speisereis – kombiniert mit Zucker oder Salz. Als Snack ganz lustig Smiley.

Doch wir haben natürlich nicht nur das alltägliche Leben hier erlebt, sondern sind auch wieder ein wenig auf den Touristenpfaden durch die Stadt gewandelt, denn Cochabamba hat einiges zu bieten, das man sich eigentlich angesehen haben sollte.

Wie viele südamerikanische Städte ist auch Cochabamba am Reißbrett geplant und so bestimmen die vertikalen und horizontalen Avenidas und Calles das Stadtbild, immer wieder unterbrochen von Plazas und Parques. Ein ganz besonders hübscher Platz ist dabei die Plaza 14 de Septiembre, ein ruhiges, idyllisches Fleckchen mitten in der Stadt mit Blumen-gefüllten Beeten, Springbrunnen, unzähligen Tauben, Schuhputzern, Zeitungsverkäufern und vielen Bänken unter Plamen. Flankiert wird die Plaza von hübschen, sonnig-gelben Gebäuden aus dem 19. Jahrhundert, deren Dächer über die Gehwege gezogen wurden und nun einen schattigen Säulengang mit vielen Geschäften um die ganze Plaza bilden. Hier findet man am Südende der Plaza auch die Catedral Metropolitana, die älteste Kirche der Stadt, die im Jahre 1571 gegründet wurde. Sehen kann man von ihrem Alter heutzutage aber nichts mehr, da nur wenig von ihrer Original-Struktur bis heute erhalten geblieben ist.

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Plaza 14 de Septiembre mit Blick auf die Kathedrale.

Ein weiteres, wirkliches Highlight unserer Zeit in Cochabamba war der Besuch des Freiluftmarktes La Cancha. Supermärkte sind Erscheinungen der Neuzeit – traditionellerweise wird in Bolivien auf den Straßenmärkten eingekauft. Dabei ist ein bolivianischer Markt eine Art Mix aus Floh- und Wochenmarkt. Kommen einem jedoch die Märkte in Deutschland schon wuselig und lebhaft vor, dann ist ein bolivianischer Markt, wie La Cancha, der absolute Overkill und ein irres Spektakel!

La Cancha ist dabei immer wieder in einzelne “Untermärkte” mit eigenen Namen unterteilt, in denen es die unterschiedlichsten Dinge zu kaufen gibt. Der gesamte Markt nimmt im Stadtgebiet dabei gleich mehrere Blocks der Stadt ein … wir würden sogar soweit gehen und sagen, dass praktisch alle Straßen südlich der Avenida Aroma zum Freiluftmarkt gezählt werden können, weil selbst dort schon Verkäufer mit ihren Waren die Bürgersteige bevölkern.

Angeboten wird dabei wirklich alles … und das mehr als günstig! Über Blumen, Obst, Gemüse, Dienstleistungen (Schneider, Schuster, etc.), Süßigkeiten, Gewürze, Mehl, Butter, Fleisch und Fisch unter extrem fraglichen, hygienischen Bedingungen, lebende Tiere, Elektroartikel bis hin zu Klamotten und Sonnenbrillen … hier gibt’s alles! Kinder schlafen zwischen Bergen aus aufgestapelten Mandarinen, eine einzelne Frau verkauft nur eine Hand voll Erdnüsse auf einem Tuch, Hunde rennen durch die Gassen, überall ertönen die Rufe der Verkäufer, die ihre Waren anpreisen, während der Verkehr Mittwochs und Samstags im südlichen Ende der Stadt einfach irgendwann lahm liegt. Die Straßen sind voll … mit Waren, Verkäufern und Kunden, die sich neben den im Stau steckenden Autos durch die Straßen drängeln oder sich durch die engen Gässchen der Märkte beeilen. Alles ist bunt, alles ist laut und ganz ehrlich, ziemlich oft stinkt es übel und sonderbar! Aber, was für Bilder!!! Die Menge an Menschen und Waren ist unbeschreiblich. Sowas vergisst man vermutlich nie wieder.

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Wir haben La Cancha mittlerweile mehrmals besucht, immer wieder auf der Suche nach anderen Sachen … und immer wieder stießen wir in Bereiche vor, die wir die letzten Male noch nicht gesehen hatten. Vermutlich ist es ein wirklicher Erfolg, wenn man sich irgendwann in dem Gewirr aus nicht ersichtlich geordneten Ständen und ausgebreiteten Tüchern oder Tischen auskennt, und weiß, wo man hin muss! Smiley Uns gefällt es jedoch immer wieder auf’s Neue! Es ist aufregend … und wir mussten feststellen, dass – egal wie günstig man dort einkaufen kann – wir haben irgendwie immer zu wenig Geld dabei! Smiley

Ein weiteres Wahrzeichen Cochabambas haben wir in unserer Zeit in der Stadt besuchen können. Schon im letzten Bericht erwähnten wir die über der Stadt thronende Christus-Statue. Dieser Christus ist der von überall sichtbare Cristo de la Concordia auf dem Serrania de San Pedro, einem nicht all zu hohen Hügel im Osten der Stadt. In strahlendem Weiß hält die imposante Statue seine ausgebreiteten, schützenden Hände über die Stadt. Nachempfunden wurde sie dabei der weitaus bekannteren Christus-Statue in Rio de Janeiro. Dabei werden einem die stolzen Cochabambinos erzählen können, dass es sich bei ihrem Cristo mit 40m Höhe und einem Gewicht von 2000 Tonnen um die durchaus größere Statue und damit um die Größte in Südamerika handelt! Smiley

Insgesamt führen drei Wege zur Statue hinauf – steile, immer in der prallen Sonne gelegene Treppen auf denen vor Überfällen gewarnt wird, der Fahrweg für Taxis und Pkws, sowie per Teleférico, einer Seilbahn, die einen für 5 Bs aus dem Park am Ende der Avenida Heroinas nach oben befördert. Auf unserem Hinweg nahmen wir die Seilbahn und liefen anschließend über den Fahrweg hinab. Insgesamt ein schöner Sonntagsausflug, der durch strahlend-blauen Himmel und eine einmalige Sicht auf die Stadt und die umliegenden Anden belohnt wurde.

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Blick vom Cristo de la Concordia auf die Laguna Alalay und den Süden der Stadt.

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Aber, wir waren ja nicht nur hier um die touristischen Vorzüge der Stadt zu genießen, sondern wollten – wenn irgendwie möglich – auch unser Praktikum hier absolvieren. Während wir also im Internet suchten und Kontakt zu einem amerikanisch-bolivianischen Vermittlungsbüro für Volunteers aufnahmen, ergaben sich unsere Praktikumsplätze letztendlich doch durch Vitamin B Smiley. Florians Spanischlehrer Franz kannte Marcelo, einen Psychologen, der in der Guardería Caritas Felizes arbeitet, wo ich meinen Praktikumsplatz finden sollte. Und Marcelo kannte wiederum eine Studienkollegin, die im Hospital Viedma und der Albergue Mosoj Ph’unchay mit verbrannten Kindern arbeitete … und so fand Florian seinen Arbeitsplatz für insgesamt vier Wochen.

FLORIAN

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Meine 4 Wochen habe ich im staatlichen Universitätsklinikum Viedma verbracht, genauer gesagt auf der Verbrennungsabteilung der Pädiatrie. Es gibt hier viele Kinder mit Verbrennungen, die meistens aus ärmeren Schichten der Bevölkerung stammen. Diese oft kinderreichen Familien leben zusammen auf engstem Raum in einer Ein-Raum-Wohnung. Auf dem Herd steht dort häufig ein großer Kessel mit abgekochtem Wasser als Trinkwasser. Da oft beide Elternteile auf dem Feld arbeiten werden die älteren Kinder mit der Aufsicht für die kleineren beauftragt, was sie – je nach Menge der Geschwister – aber häufig überfordert. So kommt es immer wieder zu Unfällen mit dem kochenden Wasser. Die schlimmsten und großflächigsten Verbrennungen ereignen sich jedoch meistens anders. Gerade die Gegend um Cochabamba ist berühmt für Chicha, ein schon den Inkas bekanntes, bierähnliches Getränk. Bei der Herstellung werden die Zutaten in großen Bottichen gekocht, und immer wieder fallen Kinder in diese Behälter und erleiden schwerste Verbrennungen von bis zu 100%. Ich selber habe Patienten mit Verbrennungen von 85% gesehen, die gerettet werden konnten. Auch Verbrennungen mit siedendem Fett aus einer der vielen Garküchen auf den Märkten sind häufig. Besonders schlimm, aber immer wieder vorkommend, sind die den Kindern zum Beispiel als Bestrafung absichtlich zugeführten Verbrennungen.
Je nach Länge des OP-Programms bin ich nachmittags noch in die Albergue Mosoj Ph’unchay gefahren, die etwas außerhalb des Zentrums liegt. Hierbei handelt es sich um eine Einrichtung, die Dr. Romero, der leitende Arzt  der Verbrennungstation, nur durch Spenden aus dem In- und Ausland ins Leben gerufen hat. Hier können Kinder, die entweder von weit entfernt kommen, oder deren Eltern den Aufenthalt im Krankenhaus nicht bezahlen können, wohnen und werden behandelt. Da die Kinder häufig großflächige und schwere Verbrennungen erlitten haben, sind monate- oder jahrelange Behandlungen erforderlich, die neben wiederholten Operationen vor allem Physiotherapie und psychologische Betreuung beinhalten. Während meiner Zeit in der Albergue lebten dort 17 Kinder im Alter von 2 1/2 bis 16 Jahren, die von 2 Heimleiterinnen betreut werden. Je nach Alter und Schwere der Verletzungen gehen die Kinder vormittags in eine nahegelegene Schule bevor am Nachmittag die physiotherapeutische Behandlung erfolgt.
Für diese Behandlung gibt es fünf festangestellte Physiotherapeuten, die die Kinder, je nach Verletzungsmuster, bis zu drei mal am Tag behandeln. Neben den Bewohnern der Albergue kommen dazu noch ungefähr die gleiche Anzahl an Kindern, die mit ihren Müttern täglich zur ambulanten Behandlung kommen. Diese physiotherapeutische Behandlung ist neben dem konsequenten Tragen von Kompressionskleidung eine der wichtigsten Bestandteile für ein gutes Langzeitergebnis, da nur durch regelmäßiges Durchbewegen der betroffenen Areale die nach Verbrennungen typischen dermatologischen Kontrakturen abgemildert werden können. Da auch dies häufig nicht ausreicht, muss in vielen Fällen nach mehreren Monaten und Jahren nachoperiert werden.
An drei Tagen in der Woche kommt außerdem eine ehrenamtlich arbeitende Psychologin ins Haus, die mit den Kindern in Gruppen- und Einzelsitzungen arbeitet.
Auf lange Sicht ist geplant die Albergue um ein kleines Krankenhaus zu erweitern, da aber bisher noch nicht genügend Geld gesammelt ist werden die Kinder bisher für größere Operationen in das 10km entfernte Krankenhaus transportiert.
Auf Grund der bisher sehr eingeschränkten medizinischen Möglichkeiten in der Albergue bestanden meine Aufgaben dort eher aus einfachen Dingen, wie dem Ziehen von Fäden und der Gabe von Antibiotika oder Antihistaminika gegen den häufigen Juckreiz der Narben. Trotzdem war es eine schöne Abwechslung zum Krankenhaus, wo ich den Kindern ja meist narkotisiert im OP begegnet bin. Hier hingegen waren sie äußerst anhänglich und wissbegierig. Wirklich beeindruckend, wie die zum Teil unvorstellbar entstellten Kinder mit Ihrem Schicksal umgehen.

Das Krankenhaus Viedma stellte auf den ersten Blick das komplette Gegenteil dar. Während die Albergue erst vor wenigen Jahren gebaut worden ist, hat zumindest der Teil des Klinikums, den ich gesehen habe, die besten Jahre lange hinter sich. Alles ist winzig klein und in eher schlechtem Zustand. So gibt es zum Beispiel nur eine Toilette, die aber sogar meistens funktionierte. Diese wird von allen Patienten, Schwestern, Ärzten und dem gesamten OP-Personal benutzt. Im OP-Bereich gibt es einen kleinen Saal, der jeden Morgen mit 4 elektrischen Radiatoren auf bis zu 36°C gebracht wird damit die Patienten während den Operationen nicht zu sehr auskühlen. Da ich nicht wie die Patienten fast nackt auf dem Operationstisch lag, sondern mich mit Kittel, Handschuhen, Mundschutz und Haube von der OP-Leuchte wärmen ließ,  konnte ich mir nach jeder Operation trockene Sachen anziehen. Smiley 

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Blick in den OP-Saal.

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Bild über dem Eingang zum OP-Saal.

Außerdem gab es immer wieder Dinge, die mich staunen ließen. Angefangen beim chirurgischen Händewaschen vor der Operation, das hier nur mit Seife und destilliertem Wasser erfolgt, während in Deutschland ein Verzicht auf Hände-Desinfektionsmittel wohl kaum vorstellbar ist. Als während meines Praktikums für drei Tage dem kompletten Krankenhaus kein Wasser zur Verfügung stand, musste daher improvisiert werden. Im Autoklaven wurden 20L des im Supermarkt gekauften Trinkwassers sterilisiert und beim Händewaschen vor der OP von einer Krankenschwester in einem Sandkasten-Eimerchen dargereicht.
Die nächste Überraschung gab es schon am ersten Tag im OP. Um auf die verbrannten Stellen Haut transplantieren zu können, muss das nekrotische Gewebe zunächst abgetragen werden. In Ermangelung spezieller Werkzeuge wird hier jedoch auf herkömmliche Küchenreiben in verschiedenen Raspelstärken zurückgegriffen. Damit wird dann solange totes Fleisch abgetragen, bis es kräftig blutet. Sieht sehr martialisch aus, funktioniert aber wirklich gut.

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Küchenreiben zum Abtragen der Nekrosen.

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Verbrennungen dieser Art sind an der Tagesordnung.

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Verbände nach dem Reinigen der Wunden.

Das OP-Personal besteht aus 4 Schwestern, 2 Anästhesistinnen – die sich abwechseln,  2 Chirurgen und einigen Medizinstudenten. Alle waren trotz meiner anfänglich kaum vorhandenen Spanischkenntnisse unglaublich nett zu mir und haben sich sehr gefreut, dass ich einen Monat bei ihnen verbringen wollte. Dabei war ich ihnen besonders zu Beginn, auf Grund meiner noch geringen Erfahrung, wahrscheinlich keine allzugroße Hilfe. Doch ich wurde von allen hofiert und das Vertrauen in das Können eines deutschen Arztes war unerschütterlich. Da half es wenig, dass ich immer wieder betonte gerade erst mein Studium abgeschlossen zu haben, immer wieder wurde nach meiner Meinung gefragt. So kam es auch, dass 2 Internisten in der Pädiatrie erschienen um mich bei einem schwierigen Fall um Rat zu fragen. Der Patient mit unklarer Lungenentzündung ohne Erregernachweiß reagierte nicht auf übliche Antibiotika. Dies ist nur eines von vielen Beispielen, aber es gab doch immer wieder Momente in denen ich mich etwas überfordert fühlte, da ich fürchtete den großen Erwartungen, die in mich gesetzt wurden, ohne klinische Erfahrung nicht gerecht werden zu können. Weitere Schwierigkeiten ergaben sich bei der häufigen Frage “Was kostet das in Deutschland?”. Da fast alle im OP verwendeten Geräte und Maschinen alte, gespendete Geräte aus Deutschland oder den USA sind, gibt es keine Ersatzteile im Land zu beschaffen.
Ein Beispiel ist das für die Hauttransplantationen verwendete Dermatom. Dieses wird fast täglich gebraucht, aber es gibt nur noch genau eine Klinge die zwar vorsichtig nachgeschärft wird aber deren Lebensdauer absehbar ist. Danach ist das Gerät nicht mehr einsetzbar. So kam die Frage auf was solche Teile in Deutschland kosten, auf die ich natürlich leider nie eine Antwort geben konnte. Auch scheint es keinen Kontakt nach Deutschland zu geben über den eine Beschaffung organisiert werden könnte, denn Bezahlung sei ja bei kleineren, wichtigen Dingen durchaus möglich.

Aber zurück zu den Menschen. Der wichtigste Mann ist Dr. Oscar Romero. Er leitet die Abteilung, ist pädiatrischer Chirurg und hat inzwischen fast 60! Jahre Erfahrung. Wie das möglich ist? Er hat gerade seinen 84. Geburtstag gefeiert und an Ruhestand ist nicht zu denken. Jeden Tag operiert er bis Nachmittags im Krankenhaus und kümmert sich anschließend entweder noch um die Patienten in der Albergue oder besucht Patienten weit außerhalb der Stadt, die sich den Transport, bzw. den Aufenthalt im staatlichen Krankenhaus nicht leisten können. So habe ich ihn z.B. zu einer Patientin begleitet, die 80km entfernt in einem Krankenhaus liegt wo es keinen Chirurgen gibt, der sie behandeln kann. Das bedeutet, dass Dr. Romero und die leitende Krankenschwester Magda zwei mal pro Wochen zu ihr fahren, was hin und zurück  wegen der schlechten Straßen fast 6 Stunden dauert. Nicht nur, dass er den Transport dorthin bezahlt, er behandelt die von einem LKW angefahrenen Frau auch noch vollständig kostenlos in seiner wenigen Freizeit.
Eigentlich müsste er sich dringend eine neue Hüfte einbauen lassen, da er beim Gehen starke Schmerzen hat, aber wie er mit breitem Grinsen sagte: ”Wann soll ich das machen lassen? Ich habe doch keine Zeit für so was!” Abgesehen davon merkt man ihm sein Alter aber kaum an und seine Vergesslichkeit fällt wenig ins Gewicht, da Magda, die auch gleichzeitig seine Sekretärin ist, immer genau zu wissen scheint was er gerade sagen will wenn ihm mal wieder ein Name nicht einfällt. Er ist jedenfalls ein hervorragender Operateur und will noch so lange er kann weitermachen, da er weiß wie dringend er gebraucht wird.

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Magda und Dr. Romero an seinem Geburtstag.

Neben der Arbeit im OP muss sich Dr. Romero auch um die finanziellen Sorgen seiner Patienten kümmern, denn wie uns berichtet wurde, übernimmt der bolivianische Staat die Behandlungskosten nur bis zum 5.ten Lebensjahr der Kinder. Da fast niemand eine private Krankenversicherung besitzt, muss die Rechnung nach dem 5.ten Lebensjahr bar bezahlt werden, was die betroffenen Familien vor große Probleme stellt. Besonders bei diesen Patienten wird versucht die Kosten möglichst gering zu halten, indem auf gestiftete oder aus Spenden finanzierte Medikamente zurückgegriffen wird. Wenn möglich versucht Dr. Romero den Familien auch eine Ratenzahlung der Rechnung anzubieten.

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Vor inzwischen 2 Jahren hat Dr. Romero Verstärkung erhalten. Es handelt sich dabei um den 34-jährigen Argentinier Juan Pablo, der vorher als plastischer Chirurg in Buenos Aires gearbeitet und sehr gut verdient hat. Mit 32 Jahren ist ihm klar geworden, dass es im Leben mehr geben muss als Brüste zu vergrößern und Gesichter zu liften, und ist über einen Freund nach Cochabamba gekommen. Da es keine Mittel für eine 2. Arztstelle gab, hat er sich bereit erklärt für 6 Monate kostenlos zu arbeiten und verdient seitdem 700$ im Monat. Dies entspricht nicht ganz seinem Wochengehalt in Buenos Aires! Da das auch in Bolivien nicht reicht um gut über die Runden zu kommen, operiert er abends von 20-24 Uhr zusammen mit Jeffrey, einem weiteren Arzt, der als Volunteer hin und wieder in der Albergue arbeitet, in einer privaten Klinik für plastische Chirurgie.

61Juan Pablo kühlt sich nach einer OP im Nebenraum ab Smiley.

Noch nie habe ich Menschen getroffen, die so selbstlos für ihren Beruf leben. Der Hippokratische Eid hat hier noch einen ganz anderen Stellenwert und es ist bewundernswert wie diese Menschen mit den wenigen Mitteln, die ihnen zur Verfügung stehen, so Unglaubliches leisten. Der Abschied ist mir nach 4 Wochen wirklich schwer gefallen und ich bin froh diese Erfahrungen gemacht zu haben!

KATJA

Meine vier Wochen in der Caritas Felizes waren wirklich richtig, richtig nett. Die Caritas Felizes ist eine dem ICBA angegliederte Kindertagesstätte mit drei Gruppen und jeweils ungefähr an die 20, wenn nicht sogar weniger Kinder. Einmal in der Woche haben sie Deutsch-Unterricht und lernen die grundlegendsten deutschen Wörter, Farben oder auch Sprichwörter! Als an meinem ersten Tag plötzlich bolivianische Kinder anfingen mit “Ich und du, Müllers Kuh, Müllers Esel, der bist du” auszuzählen, musste ich schon sehr schmunzeln! Smiley

Ich habe in der Gruppe der Kinder von 3-5 Jahren gearbeitet – die Ältesten, bevor es in die Schule geht Smiley. Leider hat Bolivien einen ziemlich harten Schul-Eignungs-Test, bei dem die Kinder aus den Kindergärten für 60min alleine – ohne Eltern oder Kindergärtner – an einem fremden Ort eine Art “Klassenarbeit” schreiben. Dagegen ist der deutsche Schul-Eignungs-Test dann doch eher witzig, wenn die Mama die ganze Zeit dabei sein kann und es nicht 60min dauert. Aber so ist eben hier das bolivianische System und die Arbeit der Kita besteht bei den großen Kindern daher zum Großteil darin, sie auf diesen Eignungs-Test so gut es geht vorzubereiten. Man übt Feinmotorik, den eigenen Namen, die Nummern von 0-20, alle Farben, die grundlegenden geometrischen Formen, Ortsbeschreibungen wie “drauf, drunter, neben” und auch motorische Übungen sind dabei.

Ein ganz normaler Alltag in die Kita sah dabei so aus, dass zunächst zwei Stunden “gearbeitet” wurde, dann durften die Kinder etwas spielen (Lego, Puzzle, etc.) bevor es einen kleinen “Snack”, hier merienda, gab. Danach durften die Kinder solange spielen, bis sie von ihren Müttern, Vätern oder sonstigen Verwandten abgeholt wurden. Es gab jedoch auch Abweichungen vom Kita Alltag, denn die Direktorin legt ebenfalls großen Wert darauf, dass die Kinder mit Situationen und Geschehnissen aus dem Alltag vertraut gemacht werden – so besuchten wir beispielsweise alle zusammen die Post und versandten Karten, machten einen Besuch beim Zahnarzt und kochten zusammen einen Tallarín. Nicht nur für die Kindern waren das immer ganz besonders spannende Tage Zwinkerndes Smiley.

Meine Zeit in der Kita war jedenfalls großartig. Aufgrund meiner noch wackligen Spanisch-Kenntnisse, war ich sehr froh einen Praktikumsplatz gefunden zu haben, bei dem die Sprache nicht so vorranging war, wie in einer tatsächlichen Schule, bei der ich über die Sprache Wissen vermittelt hätte. In der Kita reichten meine Kenntnisse wunderbar aus, um einfachste Sachen zu erklären und mit den Kindern über ihren Alltag und ihr zu Hause zu reden … und ihnen im Gegenzug natürlich Dinge über mich und meinen “Alltag” zu erzählen. Smiley Außerdem waren alle Mitarbeiter der Kita (ausnahmslos!) offen, hilfsbereit und wunderbar unkompliziert. Fast jeden Morgen gab es Kuchen, kleine Snacks und einen Kaffee, so dass ich mich schon fast wieder in meine Arbeitszeit in Münster zurückversetzt fühlte Smiley.

47 Blick in unseren “Klassenraum” während der Frühstückspause.

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Ein Ausflug mit den Kindern zur Plaza 14 de Septiembre, einschließlich Taubenfütterung.

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Besuch der Post im Zentrum von Cochabamba.

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Neben den Phasen des Lernens gibt es auch viel Zeit zum Spielen und Basteln.

Das machte den Abschied von all den Kindern und den netten Kollegen tatsächlich traurig, auch wenn ich nur einen Monat bei ihnen gewesen war. Zur Erinnerung hab ich jedenfalls ein selbstgestaltetes T-Shirt bekommen, worüber ich mich riesig gefreut habe! Außerdem wurde ich von den Kindern gefragt, warum ich denn überhaupt noch weiterreisen wolle? Smiley 

Reisen ist eben schön, habe ich gesagt, und ich würde so gerne noch die vielen anderen tollen Orte Boliviens kennenlernen. Und das haben Florian und ich nach der Besteigung des Cerro Tunari und einem Abstecher nach Paraguay, um unseren Kühlschrank abzuholen, dann auch endlich vor.

Was wir noch mal ganz besonders herausstellen wollten ist, dass es uns in Cochabamba wunderbar gefallen hat. Ganz besonders bedanken wollen wir uns noch einmal bei Familie Zonneveld, bei denen wir zwei tolle Monate verbringen durften! Wir haben die Zeit sehr genossen und werden sie in guter Erinnerung behalten. Vielen Dank für alles, hoffentlich sehen wir uns irgendwann noch einmal wieder. Bis zum nächsten Bericht,

K+F

 

ALS KLEINER NACHTRAG:

Wir haben uns vor unserer Abreise tatsächlich noch an die Besteigung des Cerro Tunari gewagt. Typisch dabei war nur, dass genau als wir Zeit hatten, das Wetter natürlich schlecht wurde. Und “schlecht” heißt in diesem Fall Regen in Cochabamba und Schnee auf dem Tunari! Smiley Aber, das hielt uns trotzdem erstmal nicht ab … und so fuhren wir, sozusagen als erster Test vor unserer tatsächlichen Abreise, seit zwei Monaten mal wieder mit dem Pinzi los. Es ging von Cochabamba in Richtung Quillacollo und dann hinauf in die Berge. Während oben an den Gipfeln die grauen Wolken voller Schnee hingen, fuhren wir durch zum Teil noch sonnige Schluchten und blumige Dörfer. Immer weiter mit dem Auto über die hervorragenden Kopfsteinpflasterstraßen hinauf. Ab 3.800m gab es dann leider keine Eukalyptusbäume mehr, die der Luft ihren typischen Geruch verliehen und es wurde dann doch merklich kühler in den Höhen – dafür säumten nun aber die von mir lang-ersehnten Lamas die Straßenränder!

Da Florian und ich noch nie höher als 3.700m gewesen waren – wir somit also auch noch gar keine Erfahrungen mit dem Wandern und Schlafen in der Höhe hatten – stellte dieser Ausflug auf den Hausberg von Cochabamba auch einen Test für unsere weitere Reise dar, denn schließlich liegen einige weiteren Ziele, wie zum Beispiel La Paz auch über 4.000m. Unser Ausflug sollte zwei Tage dauern – nach der Übernachtung an der Lagune, dem Ausgangspunkt für die Wanderung auf 4.600m, sollte am nächsten Tag die Besteigung des 5.035m Bergs beginnen.

Die Höhe machte uns dabei keinen Strich durch die Rechnung … aber der Schnee! Smiley Ab 4.000m war so gut wie jeder kleinere Busch verschwunden, es gab nur noch gelbes Moos und Gras, das zu großen Teilen von Schnee bedeckt wurde. Hier oben war es nun wirklich kalt, die Siedlungen der Menschen trostlos im grauen Schneeregen. Je höher wir kamen, desto mehr Schnee gab es.
Als wir bei ca. 0°C auf 4.600m die Laguna erreichten, konnte man durchaus von einer geschlossenen Schneedecke sprechen. Doch von Kopfschmerzen, Schwindel, Übelkeit, extremer Kurzatmigkeit – irgendwelchen Symptomen oder Anflügen der Höhenkrankheit – war keine Spur. Hatte unsere “Akklimatisierung” über zwei Monate in Cochabamba also tatsächlich was gebracht! Smiley Das freute uns natürlich und wir verbrachten eine gemütliche, wenn auch kühlere Nacht als sonst (im Auto waren es 8°C).

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Unser Übernachtungsplatz auf 4.600m.

Am nächsten Morgen staunten wir nicht schlecht, als wir aus den Fenstern blickten und den Neuschnee entdeckten. An Stellen, die der Wind nicht verweht hatte lag der Schnee nun bei 30cm oder mehr … und es sah noch nach mehr Schnee aus. Also frühstückten wir erstmal gemütlich, wärmten das Auto durch das morgendliche Kaffeekochen auf 12°C auf und entschieden irgendwann dass wir es einfach mal versuchen würden zum Gipfel zu kommen. Den GPS-Track zum Gipfel hatten wir im Internet organisieren können und so stapften wir um 9 Uhr los in Richtung Gipfel.

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Der Weg führte zunächst auf einer schrägen Ebene oberhalb der Lagune entlang, bevor wir vor einem steinigen Steilhang standen, auf dem eine Herde Lamas und Pferde im Schneetreiben nach den wenigen Grashalmen unter dem Schnee scharrten. Kalt und windig war es natürlich schon, aber davon merkten wir nicht viel, denn bei den steileren Anstiegen der Wanderung kam man dann doch ein wenig ins schwitzen Smiley … hier merkten wir nun erstmals die Höhe, allerdings nur beim Luftholen und in der Form, dass wir einfach ein paar mehr Pausen beim Aufstieg machen mussten. Trotzdem meisterten wir den Anstieg recht gut und im stellenweise Knie-hohen Schnee waren wir unseren Wanderstöcken und Gamaschen ziemlich dankbar.

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Doch auch wenn zeitweilig die Sonne zum Vorschein kam, hatten wir leider kein Glück bei der Gipfelbesteigung. Bis auf 4.880m kamen wir noch gut hinauf, doch leider hingen die Wolken ab dieser Höhe so tief, dass es neblig wurde. Außerdem nahm der Wind hier oben an Stärke zu, es schneite erneut und da der Weg ab jetzt nur noch über ausgesetzte und leider sehr vereiste Steine führte, beschlossen wir unseren Besteigungsversuch des Cerro Tunari zu beenden. So fehlt uns zwar unsere erste Gipfelbesteigung eines 5.000ers, aber der Test, wie wir mit der Höhe klarkommen, war ein voller Erfolg! Smiley 

Und unser Ausflug in die Schneeberge war wunderschön! Smiley

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3 Gedanken zu „Im ewigen Frühling

  1. Sonja

    Hallo Ihr Zwei
    ich war tief beeindruckt und berührt von Eurem Bericht über die Praktikumswochen.
    Weiterhin gute Fahrt, Gesundheit und Spass auf Eurer Reise.

    liebe Grüsse
    Sonja

  2. Rudi * Maria Frick

    Hola Ihr Zwei
    Wir sind Freunde von Rosi * Klaus und finden Eure Berichte toll. Es ist schade das Ihr keine GPS Daten anführt es würde Reisenden wie wir die wir uns z:Z. in Cochabamba befinden manches erleichtern z:B wo ist der beschriebene Supermarkt usw.
    Liebe Grüße und eine Unfallfreie Fahrt
    Rudi * Maria

  3. Regula Huber

    sehr schöner bericht über cocha, auf den ich ganz zufällig gestossen bin. mache nämlich gerade meine hausaufgaben, die mir franz vom icba aufgegeben hat und muss aud spanisch beantworten, wie der frühling hier in cocha so ist. ☺
    mein sohn lebt seit drei jahren hier und ist mittlerweile deutschlehrer im icba. ich besuche ihn nun zum dritten mal und verbringe diesmal meine vier wochen, nachdem ich bei den ersten beiden aufenthalten das meiste von bolivien gesehen habe, hier in cocha. am morgen gehts per trufi nach quillacollo in einen kindergarten und am nachmittag ins icba. alles, was ihr in euerem reisebericht so super und detailliert beschrieben habt, kann ich nur unterstützen – mit einer kleinen ausnahme: der lohn von 700$ ist für den otto-normalverbraucher hier in cocha schon recht hoch. die meisten müssen von sehr viel weniger leben. mein sohn hätte in einem bürojob gerade mal 2000 bolivianos im monat verdient, im icba kommt er jetzt doch immerhin auf 5000 und findet, dass er einen super lohn hat. seine (einheimische) freundin verdient als ausgebildete kindergärtnerin gerade mal 1500 bolivianos im monat.

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