Bis ans Ende der Welt

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27.12.2013 – 11.01.2014

(Argentinien: von Los Antiguos nach Perito Moreno, Cueva de los Manos, weiter nach El Chaltén und Wandern am Fitz Roy, Fahrt nach El Calafate, Silvester,  Perito Moreno Gletscher; Chile: Torres del Paine Nationalpark, über Puerto Natales nach Punta Arenas, Weiterfahrt nach Punta Delgada zur Fähre über die Magellan-Straße; Feuerland (Chile): Onaissin an der Bahía Inutil, weiter nach Südosten zum Paso Bellavista; Feuerland (Argentinien): Fahrt nach Río Grande, weiter über Tolhuin nach Ushuaia, Flucht vor dem schlechten Wetter und Rückfahrt über Río Grande zum Paso San Sebastian; Feuerland (Chile): zurück nach Onaissin und Besuch der Königspinguin-Kolonie, mit der Fähre über die Magellan-Straße; Chile: Weiterfahrt zum Paso Integracion Austral – finale Ausreise aus Chile und Einreise nach Argentinien.)

Zurück in Argentinien vermissten wir schon gleich am ersten Tag die Berge und Bäume Chiles, denn außer dorniger Steppe, endlosen Weidezäunen und dem heftigen, unablässigen Wind gab es in diesem Teil Patagoniens wenig zu sehen. Nicht einmal die vielen patagonischen Schafe wollten sich uns zeigen.

Da wir aber schon wussten, was uns auf diesem Abschnitt der Reise erwarten würde, hatten wir uns ein straffes Programm vorgenommen und wollten die in Chile verlorene Zeit jetzt wieder “reinfahren”. Am Tag der Grenzüberquerung stoppten wir daher nur kurz in der Kleinstadt Perito Moreno um einzukaufen und vollzutanken, bevor wir am späten Nachmittag die Höhlen Cueva de los Manos erreichten.

Die Höhlen liegen ca. 90m oberhalb des Río Pinturas, der einen herrlichen Canyon in die sonst so eintönige Steppe gewaschen hat. Weidenbäume wachsen am Fuße des Canyons und im Gegensatz zur windgepeitschten Steppe, gibt es hier unten grüne, saftige Wiesen.

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Der Blick von den Felsüberhängen hinab in den Canyon des Río Pinturas.

Hier lebten vor 13.000 Jahren die ersten Jäger und Sammler, die im Canyon Jagd auf Guanakos, Nandus und Pumas machten. Diese Menschen haben auf dem porösen Vulkangestein des Canyons beeindruckenden Felszeichnungen hinterlassen, die bis heute durch ihre intensiven Farben beeindrucken. Die gut zehn Meter hohen Felsüberhänge der Höhle Cueva de los Manos, die inzwischen zum UNESCO Weltkulturerbe zählt, zieren also hunderte, zum Teil sensationell gut erhaltene Symbole, Zeichnungen und geometrische Figuren aus unterschiedlichsten Zeiten .
Markantestes Motiv sind dabei zweifelsfrei die 829 Hände in Rot, Gelb, Weiß, Schwarz und Ocker, welche der Höhle auch ihren Namen gaben. Die Künstler hielten – fast ausschließlich – ihre linken Hände an die Felsen und bliesen dann durch ein Rohr die verschiedenen Farben, die aus Kohle, bunten Erden und Beeren gewonnen wurden, auf die Schablonen. Abschließend bestrichen sie ihre Kunstwerke mit Guanako-Fett und Urin zur Konservierung, die so die Jahrtausende gut überdauerten und noch heute zum Teil aussehen, als seien sie erst gestern entstanden. Mit etwas Suchen können aber auch direkte Handabdrücke und sogar eine 6-fingrige Hand gefunden werden. Inzucht innerhalb der kleinen Familiengruppen blieb eben auch damals nicht folgenlos …

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Die Stelle in der Cueva de los Manos mit den meisten Abbildungen von Händen.

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Unter den Felsüberhängen waren die Zeichnungen vor Regen und Sonne geschützt und blieben daher besonders gut erhalten.

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Nicht nur Hände zieren die Wände – spätere Generationen hinterließen auch geometrischen Formen wie Kreise und Zickzack-Muster.

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Die 6-fingrige Hand Smiley.

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Die hier dargestellte Jagdszenegehört zu den ältesten Motiven in der Cueva de los Manos.

Über die eigentliche Bedeutung der Zeichnungen wird auch heute noch spekuliert – sind sie Zeugnisse besonderer Riten oder religiöser Zeremonien vor der Jagd? Denn besonders die Jagdszenen auf den Felsen sind lebhaft und detailliert ausgearbeitet. Auch das Guanako spielt bei den Wandzeichnungen eine große Rolle: Es werden Herden und trächtige Tiere dargestellt, die heute von Forschern als frühe Versuche einer Domestizierung ausgelegt werden.

Wir waren von der Farbvielfalt und vor allem von dem guten Zustand der Farben und Zeichnungen beeindruckt … dass hier zum Teil 13.000 Jahre zwischen dem Besprühen der Wände und unseren Besuch liegen sollen, ist schwer zu glauben.

Ein Glück, dass mit unserer steten Reise nach Süden auch die Tage immer länger wurden – es stellte daher kein Problem dar nach dem Besuch der Cueva de los Manos noch gut 4 Stunden weiterzufahren. Und so schien sogar noch die Sonne als wir gegen 22 Uhr an einer Brücke über den Río Chico unseren Platz für die Nacht fanden. Die Weiden waren ein willkommener Windschutz und aus dem Fenster ließen sich hier die vielen patagonischen Hasen beobachten, die zwischen den Büschen herumhoppelten.

Am nächsten Tag erreichten wir nach weiteren 300km öder Steppe das Städtchen El Chaltén im Nationalpark Los Glaciares.
Der Parque Nacional Los Glaciares  mit seinen schroffen Bergen und riesigen Gletschern wurde 1981 zum Weltnaturerbe erklärte, und ist auch heute noch  größten Teils völlig unzugänglich. Im Allgemeinen unterteilt man den Park in zwei Sektoren: Die (noch) etwas einsameren Landschaften im Norden, rund um die weltbekannten Berge Cerro Fitz Roy und Cerro Torre, die von El Chaltén über viele, gut markierte Trekkingrouten zu erreichen sind, und den südlichen Abschnitt, in dem sich im Grunde alles auf den Gletscher Perito Moreno konzentriert. Im Westen beider Bereiche liegt das mächtige Inlandeis Hielo Continental Sur, ein nur für professionelle Eis-Trekker zugängliches, gigantisches Eisfeld.

Entlang des milchig-türkisenen Sees Lago Viedma rollten wir also dem imposanten Fitz Roy (3.445m) entgegen, der sich hin und wieder aus den Wolken zu kämpfen versuchte, meist aber nur seine wuchtige Basis entblößte. Vom Cerro Torre (3.128m), den man nur sehr selten ganz und gar wolkenlos zu sehen bekommen soll, entdeckten wir nie auch nur ansatzweise irgendetwas – in seiner Richtung lagen nur dicke, weiße Wolkentürme.Panoramabild 4-Chile4

Blick vom Mirador auf El Chaltén und die dichten Wolken über dem Cerro Torre und Cerro Fitz Roy.

Trotzdem war das Wetter über uns herrlich: Sonnig, nur wenig Wind und ein paar Wolken zogen am Himmel, als wir El Chaltén erreichten. Erst 1985 wurde dieses “Dorf” gegründet und mausert sich durch den boomenden Tourismus inzwischen zu einem voll auf Trekkingtouristen ausgerichteten Städtchen, das sich selbst  zur Wanderhauptstadt Argentiniens erklärt. Hier geben sich Trekking- und Kletterbegeisterte aus aller Welt die Klinke in die Hand und entsprechend voll ist es in der Stadt und auf den Hauptrouten in der Hochsaison.

Da wir unsere größere Tour erst für den nächsten Morgen geplant hatten, nutzen wir diesen Tag noch für eine kleinere Wanderung zu zwei Aussichtspunkten oberhalb des Städtchens. Von hier ergeben sich – zumindest bei wolkenlosem Himmel – unverstellte Ausblicke auf die kleine Stadt, Teile der Granitnadeln des Cerro Fitz Roy, den Lago Viedma mit seinem großen Gletscher und die endlose Pampa im Osten.

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Nach einiger Zeit hatte sich zumindest der Fitz Roy ein wenig aus den Wolken gekämpft und begleitete uns auf unserer Wanderung.

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Herrlichstes Wetter an unserem ersten Tag in El Chaltén.

Da es leider keine freien Campingplätze mehr in der Stadt gibt (seit einigen Jahren scheinen – vielleicht auch nur in der Hochsaison? – alle ehemaligen Camping Libre Areale in ausschließlich während des Tages zu nutzende Gelände bzw. Parkplätze umgewandelt worden zu sein), mussten wir für die Nacht noch mal aus dem Nationalpark herausfahren und fanden einen Stellplatz ca. 20km vor der Stadt mit Blick auf den See und den Glaciar Viedma. Wieder schien die Sonne bis nach 22Uhr und zu unserem großen Glück rissen die Wolken um den Fitz Roy für einige Minuten auf, so dass die imposanten Granitgipfel in der Abendsonne leuchteten – ein unvergessliches Bild.

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Plötzlich riss die Wolkendecke doch noch einmal kurz auf …

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… und wir hatten freie Sicht auf den 3.445m hohen Fitz Roy

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Unser Schlafplatz 20km außerhalb von El Chaltén mit wunderbarem Blick auf die Berge.

Eigentlich hatten wir auch am nächsten Tag auf gutes Wetter für unsere Wanderung zur Laguna de los Tres gehofft, wurden aber leider enttäuscht. Der Himmel war grau, es nieselte. Schade … aber vielleicht würde es im Laufe des Tages ja noch besser?!

So machten wir uns also trotzdem gegen 9Uhr von der Hosteria El Pilar auf den Weg in die Berge. Durch verwunschenen Urwald stieg der Weg hier zunächst ganz gemächlich an. Grüne Flechten hingen an den wild gewundenen Stämmen der Bäume und der Gletscher Piedras Blancas schimmerte durch die Äste.

Mit uns hatten sich auch unzählige andere Wanderer auf den Weg in Richtung des Campamento Poincenot gemacht, von wo aus der steile Anstieg zur Laguna de los Tres beginnt. Zum Glück war das Tempo der einzelnen Gruppen aber recht unterschiedlich, so dass sich die Menge nach einiger Zeit verlief und wir nicht wie befürchtet den Rest des Tages im Gänsemarsch verbrachten.

Im Poincenot Camp rasteten wir zum ersten Mal, ehe wir den Wald verließen und über einen langen, steilen Hang dem Fitz Roy immer näher kamen. Leider waren die Wolken heute noch wesentlich dichter als tags zuvor, nicht mal die riesige Basis der besonders-markanten Granitspitze wollte sich uns zeigen.

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Unsere Rast im Campamento Poincenot.

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Oberhalb der Laguna Suzia hätten wir eigentlich traumhafte Blicke auf den Fitz Roy haben sollen – aber die Wolken hingen an diesem Tag einfach zu tief.

Trotzdem war es beeindruckend, als wir an der Laguna ankamen. Hier oben war es windig und richtig kalt. Ab und zu trieb der scharfe Wind sogar Schneeflocken vor sich her, so dass wir unsere Rast oberhalb der Laguna Suzia mit Blick auf die umliegenden Gletscher so kurz wie möglich hielten. Ab und zu stürzten zwar kleinere Eisbrocken vom Gletscher unter Getöse in die Lagune, aber wie umwerfend wäre wohl der Ausblick von hier auf die Berge gewesen, wenn sie nicht in Wolken gesteckt hätten?

Als absehbar war, dass sich der Berg auch in der nächsten Stunde nicht mehr zeigen würde, machten wir uns wieder an den Abstieg und auf den Weg zurück zum Pinzi. Der Rückweg war eigentlich noch netter als der Hinweg, denn die anderen Wanderer fehlten Smiley … und so hatten wir den märchenhaft wirkenden Urwald, die Magellan-Spechte und die Aussichtspunkte auf den Glaciar Piedras Blancas für uns alleine.

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Blick auf den Glaciar Piedras Blancas und die umliegenden Südbuchenwälder.

Einzig allein das Wetter und Florians Knie, das mal wieder Probleme machte, versetzten der Wanderung einen kleinen Dämpfer. Trotzdem waren wir froh als wir im einsetzenden Nieselregen nach 21km und fast 7 Stunden das Auto erreichten und nach nur ein paar Kilometern beim Campingplatz “El Relincho” eine heiße Dusche fanden. Mit einem warmen Essen im Bauch und nach einem leckeren Glas Wein fielen wir schon um kurz nach 21Uhr müde in die Betten. Wir träumten von einem wolkenfreien Fitz Roy, der sich – zum Glück – aber auch den ganzen nächsten Tag nicht mehr zeigte  – das wäre auch zu gemein gewesen.

Am nächsten Tag spürten wir ziemlich viele Muskeln Smiley, aber wir mussten uns heute Gott sei Dank nur entspannt ins Auto setzen und die knapp 200km nach El Calafate in den südlichen Teil des Parks fahren. Da die Wettervorhersage auch für die nächsten Tage keine Besserung voraussagte,  fiel der Abschied nicht schwer und wir machten uns auf den Weg, um das neue Jahr wie geplant in El Calafate zu beginnen.

Die Steppe war wie gewohnt eintönig und öde, mittlerweile waren wir aber dazu übergegangen auf den Asphaltstrecken Hörbuch zu hören, was die 200km im Nu verfliegen ließen. Und so erreichten wir am 30.12.2013 El Calafate, eine heute blühende Stadt, die noch vor wenigen Jahren ein staubiges Nest in der patagonischen Steppe gewesen ist. Das argentinische Präsidentenpaar Kirchner hatte das Potenzial des Örtchens frühzeitig erkannt und maßgeblich zum Aufschwung Calafates beigetragen.

Heute hat sich die ca. 20.000 Einwohner zählende Stadt vor allem auf eines spezialisiert: Profit zu schlagen aus den 250.000 Touristen, die hier jährlich zwischen Dezember und Januar vorbeikommen, um den 80km entfernten Perito Moreno Gletscher zu besuchen. Mit einem Kasino, Restaurants, Bars, Kitsch-Souvenir-Läden klappt das bei vielen Touristen auch sicher sehr gut.

Wir hingegen nutzten nur den Supermarkt und Campingplatz. Zwei Tage wollten wir hier bleiben, Silvester feiern, auf gutes Wetter warten und dann – wie alle – zum Gletscher. Der Campingplatz mit Internet war einfach, aber ok. Es gab einen netten, anhänglichen Kater und so ließ sich die Zeit hier recht gut verbringen.

An Silvester hatte es 15°C und Regen und so beschlossen wir den Tag einfach mit einem besonderen Essen “besonders” zu machen. Und so bereiteten wir unseren ersten Braten im Pinzi zu: Mit Knoblauch-gespickter Rinder-Schmorbraten in Rotweinsauce … herrlich und eines Silvesterabends würdig. Wir genossen den Abend zu zweit, dachten an das schöne Jahr, das in ein paar Stunden hinter uns liegen würde und stießen mit den deutschen Nachbarn um Zwölf bei 5°C auf das neue Jahr an.

Neujahr nutzen wir für einen Besuch des freien Campingplatzes am Lago Roca. Hier lagerten bei unserer Ankunft noch immer ein paar Feiernde des Silvesterfestes – ganze Familien-Klans campten hier zwischen den niedrigen Büschen und Bäumen, machten Feuer und genossen den sonnig-windigen Tag. Im Laufe des Nachmittags leerte sich das Gelände jedoch, ein älteres britisches Paar mit ihrem  Landrover gesellte sich zu uns und wir freuten uns auf eine ruhige Nacht.

Zu früh gefreut – gegen 21Uhr kam eine Gruppe Jugendlicher vorbei und da sie keine Zelte aufbauten, dachten wir, dass sie irgendwann auch wieder fahren würden. Tja – falsch gedacht Smiley … sie hatten einfach nur nicht vorgehabt zu schlafen, sondern feierten die ganze Nacht durch. Die Musik war, wie so oft in Südamerika, laut und schlecht … aber wenigstens hatten die Jugendlichen keinerlei Interesse an uns oder unserem Auto, so dass es – außer der Lautstärke und Musikwahl – nichts zu meckern gab.

Etwas übernächtigt weckte uns der Wecker kurz bevor die Jugendlichen ihren Heimweg antraten. Das Wetter versprach nur Gutes und der Perito Moreno, den wir aus der Ferne schon sehen konnten, leuchtete in der Morgensonne. Da Florian schon nicht zum Vulkan Villarrica hatte hinaufsteigen können, wollten wir uns von dem aufgehobenen Geburtstagsgeld eine kleine Extra-Tour gönnen und planten um 10Uhr mit dem Schiff an die Gletscherkante des Perito Morenos zu fahren.

Der Perito Moreno Gletscher ist DIE Attraktion im südlichen Teil des Los Glaciares Nationalparks. Nicht nur, weil er so leicht zugänglich, sondern auch weil er einfach unbestritten faszinierend ist. Mit gigantischen Ausmaßen windet er sich zum Lago Argentino hinab und “mündet” im Canal de los Témpanos (Der Kanal der Eisberge). Dabei ist der Perito Moreno eigentlich nur eine von vielen Gletscherzungen des riesigen Hielo Continental Sur, das sich über 500km entlang der Argentinisch-Chilenischen Grenze erstreckt. Die weltweite Gletscherschmelze scheint bisher  den Perito Moreno noch nicht zu betreffen, gehört er doch zu den wenigen, die sogar weiterhin wachsen. Auch die regelmäßigen “rupturas”, große Abbrüche, haben den Perito Moreno bekannt gemacht. Alle paar Jahre schieben sich die Eismassen des Gletschers bis auf die Magallanes-Halbinsel und schneiden dadurch den Brazo Rico vom Lago Argentino ab. Das Wasser wird aufgestaut und wäscht Höhlen in das Eis, welche irgendwann unter dem enormen Druck zusammenbrechen. Riesige Eisbrocken stürzen dann unter ohrenbetäubendem Getöse in den Kanal der Eisberge und eine gigantische Flutwelle schießt durch den Kanal.

Bei nahezu perfektem, wenn auch noch kühlem Wetter, machten auch wir uns zum Gletscher auf – und das zunächst mit dem Schiff von Süden her. Bis zu zwanzig Meter an die Gletscherkante heran manövrierte uns der Katamaran und tuckerte dann an der Eis-Kante hin und her. Die blau-weiße Wand ragte hier bis zu 60m hoch vor uns auf. Schartige Spitzen spickten den oberen Rand, wie eine schwer zu erobernde Festung. Auf das Kalben eines richtig großen Eisstücks warteten wir allerdings vergeblich, auch wenn das Eis in der Sonne lautstark knackte und krachte.

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Steil und schroff ragte die Eiskante über dem See auf.

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Durchzogen von Spalten und Rissen …

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… leuchtete die Bruchkante des Gletschers in der Morgensonne.

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Vom Boot aus konnten wir an der Südseite des Gletschers die mächtige Eiswand aus der Nähe betrachten.

Gut durchgefroren vom über den Gletscher wehenden Wind, ging es für uns dann weiter auf die Magallanes-Halbinsel, auf der die Nationalparkverwaltung ein Labyrinth aus Holzstegen gebaut hat. Aus unterschiedlichsten Höhen und Entfernungen lässt sich die Front des imposanten Gletschers hier bewundern und wirkt von den vielen Aussichtsplattformen zum Teil zum Greifen nah. Risikolos kann man hier den Perito Moreno und seine Ausmaße bestaunen: 5km breit und bis zu 60m hoch erstreckt er sich über eine Fläche von 250km2 !P1100384-Chile4

Blick auf den “Canal de los Témpanos”, den Kanal der Eisberge.

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Chilenische Feuerbüsche wachsen an den Hängen der Magallanes-Halbinsel im Lago Argentino.

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Die 5km breite Front des Perito Morenos überblickt am besten von den Wanderwegen auf der Magallanes-Halbinsel.

Immer wieder brachen kleinere Stücke ab und stürzten hinab ins Wasser. Schade nur, dass man das Krachen und Knacken des Abbruchs immer erst hörte, wenn das Eisstück bereits fast im Wasser lag. Auch hier wehte ein eisiger Wind die riesige Gletscherfläche hinab, aber die Sonne schien beständig und ließ die Blautöne des Gletschers fantastisch leuchten. Nicht ohne Grund kommen jährlich so viele Touristen hierher und auch uns hat der Gletscher in seinen Bann gezogen. Wir hätten ewig auf den hölzernen Plattformen stehen bleiben und die Eisfläche im sich verändernden Licht beobachten können – und wer weiß, vielleicht hätten wir dann auch einen großen Abbruch miterlebt Zwinkerndes Smiley.

So aber fuhren wir mit eiskalten Händen und Füßen irgendwann wieder in Richtung El Calafate und schafften es gerade noch rechtzeitig zu einer sehr netten Zahnärztin. Obwohl sie eigentlich schon mehr als eine Stunde Feierabend hatte, reparierte sie mir netterweise noch eine lose Füllung  und wir verbrachten anschließend einen weiteren Abend auf dem Campingplatz.

Wie viel Glück wir mit dem gestrigen Wetter gehabt hatten, erlebten wir am nächsten Morgen, als uns graue Wolken empfingen. Kein Problem also für uns unsere Sachen zu packen und weiterzufahren … wieder weiter durch die öde Steppe. Als es dann auch noch anfing zu regnen, war die Trostlosigkeit perfekt.

Einziger Lichtblick an diesem Tag: Ein erneutes ungeplantes Treffen mit Christa und Johann! Smiley Mitten im Nirgendwo trafen sich mal wieder unsere Wege. Sie kamen aus Ushuaia wieder nach Norden, denn dort war es ihnen viel zu kalt und nass gewesen. Das hörten wir natürlich gar nicht gerne, war dies doch auch unser Ziel in den nächsten Wochen. Nachdem wir all unsere Erlebnisse seit Pucón ausgetauscht hatten, verabschiedeten wir uns und fuhren weiter in Richtung Argentinisch-Chilenische Grenze. Im Dauerregen hatten wir jedoch keine große Lust auf Behördengänge mehr und verschoben den Grenzwechsel auf den nächsten Tag.

Neuer Tag, neues Glück mit dem Wetter – kein Regen mehr, sondern Sonne und ein paar Wolken. Die Grenze hatten wir schnell hinter uns gebracht und es wäre vermutlich noch schneller gegangen, hätten wir nicht auf der chilenischen Seite Tina und Marco getroffen. Auch sie kamen aus Ushuaia zurück und hatten ein paar Tage im Torres del Paine Nationalpark verbracht. Nun waren sie wieder auf dem Weg in die Wärme. Da wir aber, entgegen dem Rat aller die aus Feuerland nach Norden kamen, trotzdem noch weiter in den Süden wollten, trennten sich unsere Wege schon an der Grenze wieder.

Unsere Route führte direkt weiter in den Torres del Paine Nationalpark. Der Besuch hier war schon lange fest eingeplant, denn wir hatten bereits so viel in Dokumentation und Zeitschriften über den berühmten Nationalpark im Süden Chiles erfahren, dass unsere Vorfreude groß war.

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Erste Ausblicke auf das Paine-Massiv.

Seit 1959 ist das Gebiet als Nationalpark geschützt und umfasst eine Fläche von 242km2. Hier findet man eigentlich alles, was die Schönheit Südpatagoniens ausmacht: Türkisblaue, aquamarinblaue und mintfarbene Gletscherseen, reißende Bergflüsse, üppige Südbuchenwälder, Pampa, bizarre Felslandschaften, Gebirge und Gletscher des Südpatagonischen Inlandeises – und inmitten davon thront das beeindruckende Paine-Massiv, dessen höchste Erhebung der Cerro Paine Grande mit 3.050m ist.

“Paine” bedeutet in der Sprache der Aónikenk, den ersten Siedlern in dieser Gegend vor ca. 7.500 Jahren, “himmelblau”. Diesen Namen gaben sie den Bergen des Paine-Massivs, da sie, vor allem bei bewölktem Wetter, bläulich erscheinen. Entstanden sind die Berge dieses unverkennbaren Massivs, als flüssige Magma aus dem Erdinneren aufstieg, durch eine dicke Sedimentkruste stieß und noch unterhalb der Oberfläche zu Granit erstarrte. Über Jahrmillionen schliffen die Erosionskräfte der umliegenden Gletscher das darüber liegende, weichere Schiefergestein ab und formten die scharfkantigen Felsspitzen der Torres del Paine (torres = Türme). Bei den nicht minder beeindruckendes Cuernos del Paine (cuernos = Hörner) ist das Sedimentgestein oberhalb des Granits noch erhalten – die dunkelbraunen Felskappen auf dem ockerfarbenen Granit erwecken den Eindruck eines in Schoko-Glasur getauchten Bergs.

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Langsam nähern wir uns dem Nationalpark …

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Ein Kondor segelt vor den Torres del Paine durch die Lüfte.

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Die Cuernos del Paine, nicht weniger beeindruckend als ihre bekannteren Nachbargipfel.

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Dunkles Sedimentgestein bildet die Spitzen der Cuernos, die Basis besteht aus hellem Granit.

Unzählige Wanderwege ziehen sich durch und um das Paine-Massiv – ein Grund mehr für uns, dem Park einen Besuch abzustatten, auch wenn der Eintritt mit gut 25€ pro Person nicht gerade billig ist. Trotzdem sind wir im Nachhinein sehr froh hierher gekommen zu sein, auch wenn wir – bedingt durch Florians Knie – nur kleinere Touren durch die Bergwelt unternahmen.

Schon die Fahrt zum Park war wunderbar. Klarer Himmel und freie Sicht auf die einzigartigen Torres del Paine. Kondore kreisten durch die Luft und die Seen glitzerten im Sonnenlicht. Unzählige Guanakoherden säumten die Wegesränder und schienen hier ihre Scheu vor Menschen und Autos vollends verloren zu haben.

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Nur eines der vielen hundert Guanako-Fohlen im Nationalpark.

Unterhalb der Torres aßen wir zu Mittag und machten uns anschließend, als Wolken die Granitspitzen einhüllten, auf den Weg zum Salto Grande, dem größten Wasserfall im Park mit Blick auf die Cuernos del Paine. Kaum waren wir hier aus dem Auto gestiegen, hatten wir mit dem Wind zu kämpfen – und dieser hatte an Heftigkeit und Stärke hier noch einmal zugenommen. Noch nie haben wir einen solchen Wind erlebt. Ich hatte größte Schwierigkeiten mich an den ausgesetzten Stellen auf den Beinen zu halten. Meine Mütze wurde mir ebenso vom Kopf gefegt, wie meine Sonnenbrille von der Nase und nicht selten spielte ich mit dem Gedanken mich auf allen Vieren fortzubewegen Smiley. Nur gut, dass ich Florian dabei hatte – mit vereinten Kräften war das Laufen gegen den Wind dann wenigstens etwas einfacher.

Der Ausblick auf die Cuernos von hier war traumhaft, allerdings mussten wir die Wanderung zum Mirador Nordenskjöld aufgrund des Windes auf halbem Weg abbrechen.

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Ein Schild macht auf die heftigen Winde aufmerksam – eine Warnung die man durchaus ernst nehmen sollte!

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Während wir uns mit Mühe auf den Beinen halten, bläst der Wind Gischt über den See.

Leider entdeckten wir hier auch die Schäden des großen Feuers von 2011. Ein Tourist hatte – entgegen des  strikten Lagerfeuerverbots im Park – ein solches entzündet. Es geriet außer Kontrolle und zerstörte weite Teile der Flora und Fauna.  Die grauen Baumskelette überziehen noch heute wie Mahnmale weite Teile des Parks. Trotz Wiederaufforstungsbemühungen wird es noch Jahrzehnte wenn nicht sogar Jahrhunderte dauern, bis die Schäden des Feuers beseitigt sind.
Heute unterschreibt jeder Tourist bei Eintritt in den Park eine Erklärung, dass er für unerlaubtes Feuermachen mit empfindlichen Geldstrafen bis zu 17.000 US$ und bis zu fünf Jahren Gefängnis zu rechnen hat. Wir finden das richtig und gut.

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Die Folgen des Feuers von 2011 sind in vielen Teilen des Nationalparks allgegenwärtig.

Kaum hatten wir uns nach der kleinen Wanderung vor dem Wind in den Wagen zurückgerettet, da begegneten wir auf der Straße Iris und Wolfram – kann die Welt wirklich so klein sein? Alle Reisenden schienen vom Weihnachten- und Silvesterfeiern aus dem Süden wieder nach Norden zu kommen … kein Wunder, dass uns so viele alte Bekannte über den Weg liefen Smiley. Auch mit Iris und Wolfram tauschten wir uns kurz aus und zogen dann weiter unserer Wege. Unser Tag endete am Parkplatz des Lago Grey, denn nur auf Parkplätzen mit angeschlossenen Toiletten-Gebäuden ist das freie Campen im Nationalpark noch erlaubt.

Am nächsten Morgen wanderten wir schon früh am Ufer des Lago Grey entlang, um zu einem Aussichtspunkt zu gelangen. Am Ende des Sees entlässt der mächtige Grey Gletscher seine Eisberge in den See. Die große Eisberge treiben, gepeitscht von den steten Winden, an das Ostufer. Haushoch, weiß und blau schimmernd laufen diese irgendwann auf Grund und werden langsam von Wind, Wasser und Sonne klein geschmolzen.

Eine herrliche Wanderung, die trotz Wind und Kälte, wunderbare Ausblicke auf das Bergpanorama mit den zweifarbigen Cuernos, dem Cerro Paine Grande und dem Glaciar Grey zuließ.

P1100499-Chile4 Große und kleine Eisberge treiben über den Lago Grey, während im Hintergrund die Cuernos del Paine aufragen.

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Das blau-schimmernde Eis ist eine willkommene Abwechslung zum Wasser des “grauen Sees”.

Mit all diesen wunderbaren Eindrücken aus dem Park machten wir uns weiter auf den Weg Richtung Süden. Nachdem wir eine Gruppe Kondore bei ihrem Mahl an einem Kuhkadaver beobachtet hatten, fuhren wir an Puerto Natales vorbei und übernachteten in der Nähe von Morro Chico. Schon am nächsten Tag erreichten wir Punta Arenas, die chilenische Großstadt an der Magellanstraße.

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Schon von Weitem entdeckten wir die riesigen Kondore in der Luft …

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… nur ein paar hundert Meter entfernt machten sich weitere Kondore über den Kadaver einer Kuh her. So nah und “in Aktion” sahen wir diese riesigen Vögel zum ersten Mal!

Man sagt, hier gäbe es das sogenannte “Vier-Jahreszeiten-Wetter” – was wir nun eindeutig bestätigen können. Regen, Schnee, Nebel, Sonne – alles an einem Tag, gerne auch Regen während die Sonne scheint. Denn genau dieses Wetter hatten wir bei unserer Ankunft in Punta Arenas. Das Gute daran ist aber: Das jeweilige Wetter hält nicht lange an – regnet es gerade, dann kann man sich sicher sein, dass es in den nächsten fünf Minuten auch wieder aufhört Smiley.

Wir quartierten uns auf der Straße vor dem Hostel Fitz Roy ein, durften dort das Bad und WiFi nutzen und machten uns dann daran die ehemalige Hauptstadt des patagonischen Woll-Booms zu erkunden. Ganz vorne auf unserer Liste der Sehenswürdigkeiten stand dabei das prunkvolle, ehemalige Wohnhaus des Schaf-Barons José Menéndez. Dies war wegen eines Trauerfalls aber leider geschlossen. Nach einem Rundgang durch die Stadt  statteten wir noch dem berühmten Friedhof einen Besuch ab.

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Nicht das Haus von José Menéndez, aber das einer anderen Familie, die durch Wolle reich wurde.

Der Friedhof von Punta Arenas ist ein historisches Zeugnis über die Anfänge der Besiedlung des rauen Südens. Kroaten, Engländer, Schotten und Deutsche kamen hierher, genauso wie Argentinier und Chilenen aus dem Norden, um am Ende der Welt mit der Wolle der Schafe das große Geld zu machen. Unzählige Grabsteine und Mausoleen der Einwandererfamilien lassen sich auf dem Friedhof entdecken und erzählen Geschichten von der Herkunft, sowie dem teilweise enormen Reichtum der Familien.
Unterbrochen von mindestens drei Regenschauern erkundeten wir den Labyrinth-artigen Friedhof und fanden immer wieder neue Grabsteine und Inschriften, während sich bei jedem Regenguss ein Regenbogen am eigentlich schon wieder wolkenlosen Himmel zeigte.

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Wie an den Wohnhäusern, so wurde auch an den Grabstätten nicht gespart – Ein Blick auf die imposantesten Mausoleen in Punta Arenas.

Am nächsten Tag verließen Punta Arenas und fuhren der Fähre nach Feuerland entgegen. Dabei kamen wir auf dem Weg an der im Jahre 1876 gegründeten Schaf-Estancia San Gregorio vorbei. Direkt am Straßenrand und nur wenige Meter vom Meer entfernt, ragen hier die alten und zum Teil verfallenen Wellblechbauten auf und laden zum Erkunden ein: Unmengen an Schafsfellen liegen in den großen Lagerhallen, Badewannen stehen noch in den Wohnhäusern der ehemaligen Arbeiter und zwei gestrandete Frachtschiff-Wracks rosten am Ufer der Magellanstraße vor sich hin.

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Die Estancia San Gregorio.

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In den alten Lagerhallen stapeln sich noch die Schafsfelle.

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Zu den Hochzeiten der Estancia durfte in der “kleinen Stadt” des Estancia-Betriebes auch ein Einkaufs-Laden nicht fehlen.

Und nur kurze Zeit später war es dann endlich soweit … wir setzten mit der Fähre über die Primera Angostura nach Feuerland über. Eine Fähre ist die einzige Möglichkeit mit dem PKW die Magellanstraße zu überqueren, die von Ferdinand Magellan im Jahre 1520 entdeckt wurde. Die halbstündige Fahrt wurde durch den kräftigen Wind zu einer schaukligen Angelegenheit und mehr als einmal wurden wir auf dem offenen Deck von überschlagender Gischt nass-kalt erwischt.  Entschädigt wurden wir aber von im Wasser auftauchenden Magellan-Pinguinen  und einer kleine Gruppe Comerson-Delfine, die unseren Weg kreuzte – und dann waren wir endlich da … auf Feuerland.

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Die Überquerung der Magellanstraße – hier die Schwesternfähre der “Fuegino”, mit der wir nach Feuerland übersetzten.

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Verspielte Comerson-Delfine folgen in Gruppen dem Schiff.

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Immer wieder schießen sie aus dem Wasser und vollführen kunstvolle Sprünge.

Landschaftlich veränderte sich erst einmal wenig – noch immer dominierten baumlose Weiden und Zäune die Landschaft. Das Klima war gewohnt rau, man begegnete einfach nur noch weniger Menschen. An unserem ersten Abend auf Feuerland campierten wir an der Bahía Inutil, der nutzlosen Bucht, in der sich seit 2009 eine neue Königspinguinkolonie – außerhalb der Antarktis! – angesiedelt hat. Da das Wetter jedoch zu schlecht war und wir auf unserem Rückweg nach Norden erneut hier vorbeikommen würden, verschoben wir unseren Besuch um ein paar Tage.

So ging es für uns am nächsten Tag über den Paso Bellavista vom chilenischen Teil Feuerlands hinüber in den argentinischen und wir erlebten die netteste und persönlichste Einreise nach Argentinien seit dem Beginn unserer Reise. Der wirklich kleine Grenzübergang ist nur im Sommer geöffnet und da der Grenzfluss in Ermangelung einer Brücke gefurtet werden muss,  wird diese Route nur von wenigen Reisenden gewählt. So stellten wir eine willkommene  Abwechslung für die Beamten dar und erst nach ausführlichen Berichten über unsere bisherige Reise ließen sie uns  ziehen Smiley. Nach einem kurzen Abstecher nach Río Grande, fanden wir am  späten Abend inmitten von Dünen am Atlantik noch einen schönen Schlafplatz .

Man merkt es – wir waren schnell unterwegs. Wind, Wetter und Kälte trieben uns voran. Die Landschaft war karg und für uns wenig reizvoll. Einzig und allein den großen Hochmoorflächen und Gegenden mit Bäumen, konnten wir noch Etwas abgewinnen. So verwundert es also wenig, dass wir bereits am nächsten Tag Ushuaia, die südlichste Stadt der Welt – wie sie sich nennen darf – erreichten.

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Am “Ende der Welt” nähern wir uns leider auch langsam dem Ende unserer Reise.

Schön ist die Stadt wirklich nicht, sie liegt aber traumhaft an einem Hang mit Blick auf den Beagle-Kanal. Wellblech-bedeckte Häuser stehen hier neben modernen Betonbauten und alte Kähne rosten an den Ufern vor sich hin. Auch der Campingplatz hat uns nicht “vom Hocker gehauen”, und dass, obwohl doch genau hierher viele Reisenden – egal ob mit dem Auto oder Motorrad – pilgern, um gemeinsam Weihnachten oder Silvester zu feiern. Nur gut, dass wir uns nicht beeilt haben, um uns zu den Reisenden zu gesellen, wo es doch tausend schönere Ecken in Südamerika gibt zum Weihnachten-feiern als Ushuaia?!

Aber gut … auch wir wollten schließlich hierher. Irgendwie ist es ist halt doch ein Muss?!

Nach einem Spaziergang in die Stadt während einer kleinen Regenpause, verbrachten wir den Abend im Auto, freuten uns über den Heizlüfter, als die Temperaturen draußen immer weiter sanken. Auch der nächste Tag brachte wieder Dauerregen und Nebel, so dass ganz klar war, was wir nun tun würden – auf nach Norden, in die Wärme … und zwar schnell Smiley.

Somit verließen wir Ushuaia nach nur einem Tag. Vielleicht tun wir dem Städtchen Unrecht, denn bestimmt zeigt sich die Landschaft bei besserem Wetter in ganz anderem Licht und auch im Nationalpark Tierra del Fuego haben wir mit Sicherheit fantastische Landschaften verpasst, aber bei 4°C und Schneeregen dachten wir nur noch an Flucht. Von den Einheimischen haben wir hier aber auch gehört, dass es in diesem Jahr besonders viel Regen gegeben hat. Lust und Zeit auf gutes Wetter zu warten, hatten wir einfach nicht (mehr).

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Bei miesem Wetter wollte uns Ushuaia (gesprochen: Uswaja) nicht so recht ans Herz wachsen.

So ging es in einem Fahrtag zurück nach Río Grande und weiter zur Grenze von San Sebastian – unsere letzte Einreise nach Chile stand bevor. Und ganz so als hätte es der SAG Beamte (Lebensmittel-Kontrolle Chile) gewusst, schickte er zur Einreise das erste Mal einen Labrador durch den Pinzi. Schon oft hatten wir die Spürhunden an den Grenzen zu Chile gesehen, waren aber noch nie in die Situation gekommen, dass ein solcher auch in unserem Auto nach Gemüse, Fleisch und anderen fraglichen Produkten suchte.
Sein Herrchen, der SAG Beamte, war eher von der unfreundlichen Sorte, sprach wenig und setzte nie seine Sonnenbrille ab. Da der Labrador auch nach 10 Minuten, sehr zum Missfallen seines Herrchens,  wirklich nicht anschlagen wollte, entließ uns Herrchen mit einem knappen “listo!” (fertig!) und wir durften weiterfahren.

So ging es erneut in Richtung Onaissin und zu den Königspinguinen. Circa 40 Brutpaare haben sich an der hübschen Bucht niedergelassen und bilden nun drei lose Gruppen entlang eines Flüsschens. Dieser Bach bildet die natürliche Barriere zwischen den Besuchern und den bis zu 75cm großen Königspinguinen, die damit die zweitgrößte Pinguinart der Welt ist.

Der Körper der Tiere ist beeindruckend, das Gefieder unglaublich weiß und perfekt. Im Wasser bewegen sie sich wie Pfeile, während sie an Land eher gemächlich vor sich hin watscheln, den aufrechten Gang jedoch erstaunlich gut meistern. Der eisige Wind schien ihnen überhaupt nichts auszumachen, einige schwammen sogar im Fluss umher, während Florian und ich fast den Kältetod starben. Für Antarktisbewohner war das Klima aber wahrscheinlich auch eher Sommerurlaub …

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Seit 2009 haben die Königspinguine an der Bahía Inutil eine Kolonie gegründet.

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Im Frühjahr herrscht Brutzeit – hier umsorgt entweder Mutter oder Vater ein auf den Füßen gelagertes Ei Smiley.

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Der Königspinguin ist die zweitgrößte Pinguin-Art: Sie können bis zu 95cm groß und 16kg schwer werden.

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Schätzungsweise 80 Tiere verteilten sich auf drei kleinere Gruppen den Strand entlang.

Mit fast 17€ p.P. ist der Eintritt zwar richtig teuer, aber eben immer noch billiger als eine Fahrt in die Antarktis – also bereuen wir nicht, hierher gefahren zu sein. Der Kolonie ist nun eine Biologische Station angegliedert, die die Tiere und ihr Verhalten dokumentiert,  langsam beginnt Infomaterialien zusammenstellen und das Gelände vom Müll der Schifffahrt und Fischerei-Industrie zu befreien.

Der Besuch der Pinguine war somit auch die letzte Station in Feuerland für uns, denn schon am nächsten Tag machten wir uns auf den Weg nach Norden, zurück zur Fähre über die Magellanstraße. Dieses mal begleiteten uns mehrere Comerson-Delfine, die in der Bugwelle des Schiffes neben uns her sausten und übermütige Sprünge vollführten. Das war ein schöner letzter Eindruck von Feuerland, ehe wir zur Grenze Paso Integracion Austral fuhren, um nach Argentinien zu reisen.

Als wir dort ankamen, verschlug uns die Menge der Autos und Menschen die Sprache. Es war Freitagnachmittag und Sommer – wollten die Leute wirklich alle noch weiter nach Süden? In die Kälte? Scheinbar ja. Und so mussten wir uns – wohl oder übel – in die Masse der Menschen einreihen.

Ein wenig verwirrt umher-laufend suchten wir noch nach der richtigen “Schlange” für uns, als uns plötzlich James Hall aus der Menge entgegen grinste Smiley. James und Jane, unsere Lieblings-Fahrradfahrer, denen wir nun schon so oft begegnet waren! Nie und nimmer hätten wir, nach unserer letzten Begegnung auf der Carretera Austral, damit gerechnet die beiden noch einmal wieder zu treffen. Doch hier standen sie nun vor uns Smiley . Ein großartiger Zufall wenn man bedankt, dass wir uns beim letzten Mal fast 1000km Luftlinie entfernt getroffen hatten.

Nicht nur, dass wir uns gleich an ihrem Platz der Schlange einreihen konnten, wir verbrachten so auch die nervige Wartezeit mit witzigen Gesprächen über unsere Reisen und unsere Leben “zu Hause”. So erfuhren wir, dass James auch Arzt und Jane auch Biologie-Lehrerin ist Smiley. Die 1,5h Wartezeit vergingen also wie im Flug.

Doof nur, dass wir die ganze Zeit in der falschen Schlange angestanden hatten Smiley. Der chilenische Migrationsbeamte starrte uns beide aufrichtig mitleidig an, als wir unsere Pässe auf seinen Tisch legten und sagten, dass wir ausreisen wollten. Die Abfertigung der chilenischen Aus- und argentinischen Einreise fand nämlich eigentlich im Grenzgebäude der Argentinier statt …

Irgendwie schockte uns das gar nicht, war unsere Laune durch die Zeit mit James und Jane doch immer noch so beschwingt, dass wir die Nachricht ziemlich gut aufnahmen. Außerdem bot uns der chilenische Beamte an, seinen Kollegen drüben im argentinischen Grenzgebäude anzurufen, damit wir bevorzugt behandelt werden würden.

Daher verabschiedeten wir uns etwas überstürzt von James und Jane, wünschten den beiden besseres Wetter und wenig Wind auf Feuerland und machten uns auf den Weg.

Dank des chilenischen Grenzbeamten wurden wir dann tatsächlich vorgezogen und die Grenzformalitäten waren innerhalb von 30 Minuten erledigt.

Argentinien hatte uns zurück – und dankte es uns im Gegenzug mit Wärme. Wir haben uns wohl noch nie im Leben so sehr über 18°C und Regen gefreut wie kurze Zeit später in Río Gallegos. Und das Beste ist …  ab jetzt wird es immer nur noch wärmer Smiley.

Bis zum nächsten Bericht,

K+F

Fazit Chile: Wie soll man anfangen über ein Land dieser Größe ein Urteil zu fällen? Von Nord nach Süd durchquerten wir das Land natürlich nicht komplett, versuchten aber möglichst die Regionen des Landes zu besuchen, die unserer Meinung nach besonders sehenswert sind. Die Atacama im Norden, das Seengebiet in der Mitte, die Carretera Austral und den Torres del Paine Nationalpark im Süden. In Chile findet sicher jeder eine Ecke, die ihm gefällt, besitzt das Land doch einfach alles außer tropischen Gegenden.

Wir haben uns in Chile sehr wohl gefühlt, die Menschen waren immer überaus nett, freundlich und interessiert an uns und unserer Reise. Auch bei der einfachen Bevölkerung auf dem Land haben wir nie Misstrauen oder Vorbehalte uns gegenüber gespürt, wie wir es in den ärmeren Ländern im Norden manchmal erleben mussten. Das mag aber auch daran liegen, dass wir in diesem, in vielerlei Hinsicht fortschrittlichsten und reichsten Land Südamerikas weniger “auffielen”, als in seinen bitterarmen nördlichen Nachbarländern.
Der explodierende Kupferpreis führte zu einem rasanten, wirtschaftlichen Aufschwung Chiles, hat aber auch die Lebenshaltungskosten kräftig steigen lassen. Nicht nur für unser knappes Budget stellt dies ein großes Problem dar, denn gerade in Chile treibt die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter auseinander. Das hohe Preisniveau ist daher auch ein Hauptgrund dafür, dass wir einige Gegenden, wie z.B. die Hauptstadtregion um Santiago de Chile, nicht besucht haben.

Die atemberaubenden Natur hingegen werden wir ganz sicher nicht vergessen. Insbesondere der Süden mit seinen Seengebieten und die Region um die Carretera Austral hat uns sehr gut gefallen. Diese kristallklaren Seen, wilden Bäche und verwunschenen Wäldern vor schneebedeckten Bergen lassen sich mit Worten kaum beschreiben. Wir hoffen also, dass wir später einmal mit besserem Budget wiederkommen können und ein wenig von dem sehen, was wir bisher verpasst haben – und natürlich auch, um die letzten 300km der Carretera Austral  zu befahren Zwinkerndes Smiley.

Fazit Feuerland: Die riesige Insel am Ende der Welt: Für uns war sie leider sehr kalt und sehr verregnet. Blauen Himmel sahen wir praktisch nicht. Wirklich schade, bietet Tierra del Fuego vermutlich mehr als das, was wir in unserer kurzen Zeit gezeigt bekamen. Wir konnten bzw. wollten aber leider nicht auf besseres Wetter warten und mussten mit dem Vorlieb nehmen, was wir sahen: Rauhes Klima, karge und platte Landschaft im Norden, sowie bewaldete Berge im Süden. Gerne hätten wir auch vom Beagle-Kanal oder der Gegend um Ushuaia mehr gesehen – aber das Wetter machte uns leider einen Strich durch die Rechnung. So können wir auch nicht ganz nachvollziehen was für so viele Menschen den Reiz an diesem Fleckchen Erde – abgesehen von seiner Lage – ausmacht. Das was wir gesehen haben, gab es in beiden Ländern, Chile und Argentinien, in ähnlicher Form mit milderem Klima schon vorher. Allerdings ist es ja auch vermessen, nach nur 4 Tagen ein Fazit für eine so große Insel abgeben zu wollen.

Unbestritten bleibt die Faszination, einmal am “Ende der Welt” gewesen zu sein … da sollte man doch auch über ein bisschen Schnee und Regen im Sommer hinwegsehen können!

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5 Gedanken zu „Bis ans Ende der Welt

  1. Wolfgang

    Hallo ihr beiden, wieder ein toller Bericht und klasse Bilder!

    Nur schade, dass ihr in Feuerland so schlechtes Wetter und wenig Zeit hattet.

    Wir haben übrigens diese Woche auch einen Trip nach Ushuaia gebucht, von dort gehts dann 1.500km nach Süden 🙂

    Gute Heimreise,
    Gruss
    Wolfgang

  2. rosi und klaus

    wie immer toller Bericht, fantastische Bilder, die uns an unsere Reise erinnerten. Schön das alles wieder zu sehen.
    Schade – Feuerland wir waren damals 3 Woc hen und hatten immerhin 13 ° und kein Regen.
    jetzt seid Ihr wieder im Warmen und leider auf dem Rückweg nach D.
    Eine schöne Reise noch bis Uruguay und hoffentlich viel Sonne.
    saludos Rosi

  3. Sebastian

    Hey ihr beiden,

    das ist ja wirklich ein hervorragender Blog mit brillant geschriebenen Berichten und imposanten Bildern. Wirklich beeindruckend!
    Es freut mich sehr zu hören dass es euch so gut geht und ich wünsche euch alles erdenklich gute auf der weiteren Reise.

    Beste Grüße aus dem kalten München

    Sebastian

  4. Ingrid Brinkert

    Hallo Ihr Lieben,
    habe gerade erst Euren Bericht gelesen. Der Bericht und vor allen Dingen die fantastischen Bilder haben mich wieder sehr beeindruckt.
    Trotzdem freue ich mich auf Eure Rückkehr.

    Ingrid

  5. Klaus L. aus H.

    Hallo Ihr beiden!

    ich habe gerade nochmal so einiges gelesen und angeschaut. Immer wieder beeindruckend!!!!!!
    Vor allem aber sind die Bilder immmer wieder extraklasse!

    Bis bald im alten Europa

    Klaus

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