Unterwegs auf der Carretera Austral … oder: Das ungeplante Abenteuer

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08.12.2013 – 27.12.2013


(CHILE – Region XI: entlang des Futaleufú zur Carretera Austral bei Villa Santa Lucia; über La Junta und Puyuhuapi zum Nationalpark Queulat; Glaciar Ventisquero Colgante; über Coihayque und Villa Cerro Castillo zum Arroyo Cascada; Rettungsaktion aus Villa Cerro Castillo und Rückfahrt nach Coihayque; unsere unfreiwillige Pause; Weihnachten; Weiterfahrt in Richtung Chile Chico)

Am Anfang eines jeden Reiseberichtes scheint ein Grenzübertritt zu stehen. So auch in Diesem, denn wie wir ja bereits angekündigt hatten, wollten wir erneut nach Chile einreisen, um eine ganz bestimmte Straße zu befahren –  die legendäre Carretera Austral.

Sie gehört wohl zu den bekanntesten “Abenteuerstraßen” der Welt. Geprägt von grobem Schotter, Wellblech und Schlaglöchern, verläuft diese Straße 1.240km von Puerto Montt entlang uralter Wälder, Gletscher, Wasserfällen und pazifischen Fjorden bis nach Villa O’Higgins. Erst im Jahre 1996 wurde sie nach mehr als 20 Jahren Bauzeit fertiggestellt, kostete umgerechnet 300 Millionen US$ und elf Arbeiter das Leben. Während die Landschaft in diesem Teil Chiles durch ihre abgeschiedene Lage jahrhundertelang kaum besiedelt war, hatte die Straße eine deutliche Zuwanderung mit Holz- und Viehwirtschaft zur Folge. Auch der boomende Tourismus führt zu einem inzwischen deutlich höheren Verkehrsaufkommen, so dass die ehemals schmale, staubige Piste auf immer mehr Abschnitten asphaltiert wird.

Chiles Diktator General Augusto Pinochet war verantwortlich für den Beginn dieses Großprojekts. Der Bau einer Hauptverbindungsstraße durch die Region Aisén war allerdings weder dringend notwendig, noch wirtschaftlich sinnvoll. Es handelte sich damals eher um einen politisch motivierten, symbolischen Anschluss des armen und dünn-besiedelten Südens an den reichen Norden. Ihr Bau ermöglichte aber zugleich erstmals den Zugang zur  Aisén-Region, die sonst nur mit Boot oder Flugzeug zu erreichen war.

Im Norden der Carretera – von Puerto Montt bis Chaitén – schließen Fähren die Straßenlücken, fahren jedoch nur in den Sommermonaten zu regelmäßigen Zeiten. Weiter im Süden setzt der Straße das harsche Klima zu und nicht selten kommt es zu Erdrutschen, die die Straße unpassierbar machen. Auch die Fluten der mächtigen Flüsse im Süden führen jedes Jahr dazu, das weite Strecken überschwemmt werden, verläuft doch die Carretera teilweise nur einen Meter oberhalb der Wasserlinie des für seine Überschwemmungen bekannten Río Baker.

Auch wenn der Hauptverkehr auf der Carretera noch immer von “Überland-Bussen”, Versorgungs-LKWs und Pick-Ups der lokalen Bevölkerung gestellt wird, finden sich auf dieser Straße –  stark zunehmend – auch Touristen ein: Mit 4WDs, Motor- oder Fahrrädern brechen sie zur Erkundung der fantastischen Landschaft auf. Gäbe es eine durchgängige Verbindung zwischen Villa O’Higgins, am südlichsten Ende der Route, und Argentinien, würde auch dieser letzte Streckenabschnitt der Carretera sehr viel interessanter für Reisende werden.  Der chilenische Staat hat angeblich schon mehrfach Gelder an Argentinien überwiesen, um die Passstraße auf der anderen Seite zu komplettieren, aber jedes Mal verschwanden diese Summen auf “sonderbare Weise”, ohne dass bisher mit einem Bau begonnen wurde. Ohne diese Verbindung bleiben die letzten 300km, zumindest für alle 2-spurigen Fahrzeuge, eine Sackgasse. Zu diesem Zeitpunkt hatten wir uns aber noch nicht  entschieden, ob wir diesen “Umweg” fahren wollten oder schon am Ufer des großen Lago General Carrera über den Paso Jeinemeni nach Argentinien zurückkehren würden.

So reisten wir also am Morgen des 08.12. über den Paso Futaleufú problemlos nach Chile ein. Dabei war die Mitarbeiterin der berüchtigten Fruchtkontrolle uns hier zum ersten Mal gleich unsympathisch und wir ahnten schon Böses, als sie sich ihre Handschuhe anzog und zur Kontrolle schritt. Erleichtert stellten wir fest, dass auch sie nach einem flüchtigen Blick in unseren Kühlschrank vor unserem Chaos kapitulierte. Es hat wirklich Vorteile nicht mit einem wohlsortierten und gut begehbaren Wohnmobil unterwegs zu sein. So reichte es bisher fast immer, die versteckte Stufe an unserer Koffertür nicht herauszuziehen. Dies führt zu einer Einstiegshöhe von 83cm – zu viel für die Meisten um ohne Trittstufe noch elegant in den Wagen zu steigen. Dann blieb es meist bei der kurzen Frage ob wir auch nichts Verbotenes einführen würden Smiley

So jedenfalls konnten wir auch diesmal wieder ohne stundenlange Durchsuchung einreisen und rollten die Passstraße hinab Richtung Villa Santa Lucia, wo wir endlich auf die Ruta 7 – die Carretera Austral – stoßen würden. Den nördlichsten Teil der Carretera hatten wir durch unseren Abstecher über Bariloche und El Bolsón auf argentinischer Seite zwar schon verpasst, aber dadurch auch die, wie alles in Chile, teuren Fähren umgangen. Es sollten auch so noch genug “abenteuerliche” Kilometer vor uns liegen.

Doch weit kamen wir an diesem ersten Tag trotzdem nicht, denn die Landschaft von der Grenzstadt Futaleufú in Richtung Villa Santa Lucia war einfach zu schön im strahlenden Sonnenschein. Stahlblauer und völlig wolkenloser Himmel begleiteten uns, als wir entlang des Río Futaleufú nach Westen fuhren. Der grandiose Fluss, mit seinen leicht milchig aussehenden, türkisen Fluten hatte es uns auf Anhieb besonders angetan. Dabei gleitet er nur selten gemächlich und ruhig dahin, sondern präsentiert sich vielmehr als vorzüglicher Rafting-Fluss.

Während wir also dem Schottersträßchen von Futaleufú in Richtung Carretera folgten, trafen wir plötzlich auf das englische Radfahrer-Paar, mit dem wir uns in Uspallata schon einmal so nett unterhalten hatten – was für ein Zufall! James und Jane Hall fahren mit ihren Rädern von Cusco nach Süden und begegneten uns zum ersten Mal kurz vor Mendoza. Da mussten wir hier natürlich anhalten und Hallo sagen und erstaunt feststellen, dass die beiden ziemlich genau unsere Routen gefahren wahren … und erschreckenderweise genauso schnell waren wie wir Smiley. Sie waren jetzt jedenfalls auch unterwegs zur Carretera und würden sie bis zum Ende nach Villa O’Higgins fahren, denn für Fahrradfahrer oder Fußgänger gibt es am Ende der Strecke die Möglichkeit einer Grenzüberquerung nach Argentinien. Diese Möglichkeit gab es für uns ja leider nicht und wir mussten uns noch immer darüber Gedanken machen, wie wir unsere Route über die Carretera planen wollten. Nach einer netten Unterhaltung verabschiedeten wir uns wieder und erwarteten ein Wiedersehen auf der Carretera und wenn nicht dort, dann in El Chaltén am Fitzroy, wo sie von Villa O’Higgins aus wieder Argentinien erreichen würden.

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James und Jane, die beiden sehr netten Engländer, die mit ihren Rädern Südamerika entdecken.

Jane und James ließen wir also hinter uns und fuhren weiter durch den schönen, patagonischen Sommer. Klare Luft, eine angenehme Brise und unglaubliche Temperaturen von über 28°C begleiteten uns. Eigentlich konnte der Tag kaum perfekter werden, aber wir wurden eines Besseren belehrt und fanden schon am frühen Mittag eine traumhafte Stelle direkt am Río Futaleufú. Ein kleiner Weg führte hinab an eine große, freie Fläche direkt an einer Biegung des wilden Flusses. Weißer Sand, Kieselsteine und sich im Wind wiegende Weiden begrüßten uns, so dass uns gleich klar war, dass wir hier bleiben würden.

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Ein traumhafter Tag am wilden Futaleufú.

Der Tag am Fluss wurde zu einem der schönsten unserer Reise – während ich das Wetter genoss, nutzte Florian die Zeit sein Angler-Glück zu versuchen. Und endlich, endlich sollte seine Ausdauer belohnt werden! Immer wieder bissen die Fische an unsere Köder und am Ende des Tages konnten wir drei gefangene Forellen ausreichender Größe verbuchen: Eine Bachforelle und zwei Regenbogenforellen. Am Abend gab es dann frische Kartoffeln zu den gebratenen und mit Zwiebeln, Knoblauch und Petersilie gefüllten Forellen – mit einem kalten Weißwein ein unverhofft herrliches Abendessen.

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Die Kleinen durften zurück in den Fluss …

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… die Großen blieben zum Essen Smiley.

Am nächsten Tag ging es dann aber trotzdem schon wieder weiter, wobei uns die Strecke immer besser gefiel. Am Lago Yelcho verließ uns der Futaleufú, dafür lagen am Straßenrand hier kristall-klare Pools deren Wasser in unterschiedlichsten Blau- und Grün-Tönen glitzerte.
Bei Villa Santa Lucia trafen wir schlussendlich auf die Carretera Austral, hier eine recht breite Schotterstraße umgeben von Sumpfland und dem Río Palena. Eigentlich ein schöner erster Eindruck, der auf den folgenden Kilometern aber gleich wieder zerstört wurde und uns zu Beginn ein wenig in eine “Carretera-Krise” stürzte. Bis La Junta – in 70km Entfernung – sollte uns nun eine riesige Baustelle begleiten. Überall an der Strecke gab es Bauarbeitertrupps, Kiesel für den Straßenbau wurden aus dem Río Palena gebaggert und im Weg stehende Felsen mit Presslufthämmern zerlegt. Hier war ganz deutlich, was vermutlich irgendwann auch der gesamten Carretera blühen wird, denn all dies waren Vorbereitungen für eine bevorstehende Asphaltierung.

Das machte uns natürlich etwas traurig, ging doch bei einer Asphaltierung viel von dem eigentlich Charme und der Ursprünglichkeit dieser Straße verloren. Das war dann auch ungefähr der Zeitpunkt, an dem wir beide den Entschluss fassten der Carretera bis zum Ende zu folgen und nicht schon die Abkürzung am Lago General Carrera zum Paso Jeinemeni zu nehmen. Denn wenn irgendwo noch ursprüngliche Straße zu finden sein würde, dann ab dort, wo die meisten Touristen nicht mehr weiterfahren.

Mit dieser Erkenntnis waren die Bauarbeiten dann auch gleich besser zu ertragen und wir fuhren an La Junta vorbei, wo die Straße wieder schmaler und gewundener wurde. Die Hügel rückten näher an die Carretera heran und überall blühten Margeriten und der mächtige Nalca, der wilde Rhabarber. Schon in der Seenregion hatten wir die riesigen Rhabarberpflanzen oft gesehen und uns vorgenommen bei unserem Besuch der Carretera endlich seine essbaren Qualität zu testen Smiley. Gesagt getan – bei einem Mittags-Stopp ernteten wir ein paar der dornige Stiele und packten sie ein, um am Abend daraus ein Nalca-Kompott zu kochen.

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Die Blätter der Nalca-Pflanze können gigantische Ausmaße annehmen.

Doch zunächst fuhren wir noch vorbei am tiefblauen Lago Risopatrón, dessen umliegende Hänge nur aus großblättrigen Nalcapflanzen und Farnen zu bestehen schienen. Wilde Fuchsienbäume wuchsen am Wegesrand und immer wieder gab die dichte Vegetation kurze Blicke auf Wasserfälle und Bäche frei. Hier war die Carretera wirklich wunderschön, aber wir freuten uns auch schon darauf ihr noch ein wenig weiter zu folgen um  ans “Meer” zu gelangen. Genauer gesagt an einen Fjord –  den Canal Puyuhuapi, der den Pazifik hier bis vor die Haustür der kleinen Siedlung Puyuhuapi bringt.

Puyuhuapi ist ein kleines, einfaches Dorf, das 1935 von vier Sudenten-Deutschen gegründet wurde. Ein paar der mit Holzschindeln gedeckten Häuser und auch Einrichtungen, wie das Café Rossbach, erinnern noch an das deutsche Erbe. Heute lebt der Ort hauptsächlich vom Tourismus und ein wenig von der Fischerei, gibt es doch bereits viele – zu recht sehr umstrittene – Fischzuchten in dem geschützten Meeresarm. Bei unserem kurzen Besuch öffneten wir die Fenster und genossen den herrlichen Duft von Meer, Salz und Fisch – schon lange (seit Antofagasta) waren wir nicht mehr am Pazifik gewesen und würden ihn hier, für diese Reise, vermutlich auch ein letztes Mal sehen.

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Fischerboote am Fjord in Puyuhuapi.

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Nur eine von unzähligen Lachszuchten in den Fjorden und großen Seen Chiles.

Viel weiter als Puyuhuapi kamen wir an diesem Tag auch nicht mehr, planten wir doch für den nächsten Tag den Besuch des Parque Nacional Queulat. Wir suchten uns eine geschützte Stelle im Flechten-bewachsenen Wald, kochten unser Nalca-Kompott (das uns leider nicht sonderlich beeindruckteTrauriges Smiley) und mussten feststellen, dass das Wetter langsam immer schlechter wurde.

So kam es dann auch, dass wir am nächsten Morgen im Nieselregen und Nebel erwachten – nicht gerade das, was wir uns für unsere Wanderung im  Nationalpark erhofft hatten. Leider aber wohl ziemlich typisch für die Gegend, denn laut unserem Reiseführer erwartet den Besucher hier häufig beständiger Regen, der dem Park jährlich 4.000mm Niederschlag beschert. Da konnten wir uns mit dem bisschen Niesel eigentlich doch noch recht glücklich schätzen Smiley.

Die Wälder hier sind voll mit Farnen, Südbuchen und Nalcapflanzen. Moose und Flechten bedeckten die Steine im kalten Regenwald und überall blühten zierliche, weiße Blüten verschiedenster Blumen – eher unscheinbar, dafür aber nicht weniger schön. Wir hatten uns zu einer Wanderung zum Mirador des Ventisquero Colgante, einem “hängenden” Gletscher, entschieden und folgten dem kleinen Pfad zunächst über eine Hängebrücke, die den milchigen Río Ventisquero überspannte. Während wir danach über eine dicht mit herrlichem Urwald  bewachsenen Gletschermoräne wanderten, hörten wir bereits immer wieder die donnernd herabfallenden Eisstücke des Gletschers auf die darunterliegenden Felsen. Als wir den Mirador erreicht hatten, bot sich uns jedoch leider immer noch ein recht nebliges Bild des Gletschers und der darunter liegende Laguna de Los Tempanos. Nur ein einziges Mal entschied sich die Sonne kurz durch den Nebel zu dringen, was uns ein paar bessere Ausblicke ermöglichte. Doch so schnell die Sonne gekommen war, war sie auch wieder verschwunden.
Ein bisschen schade auch, dass wir leider keine Zeugen eines größeren Eis-Abbruchs der Gletscherkante wurden. Die Wanderung durch den kalten Regenwald hatte sich aber dennoch gelohnt.

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Moose, Flechten und Farne in den Regenwäldern des Nationalparks Queulat.

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Nur kurz hob sich die Wolkendecke und wir konnten einen Blick auf den hängenden Gletscher werfen.

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Die Pflanzenvielfalt im feuchten Wald hat aber eindeutig für das schlechte Wetter entschädigt.

Der nächste Tag – der 11.12. – sollte uns noch länger in Erinnerung bleiben. Er stand ein bisschen unter dem Motto “Und wenn man keine Abenteuer erlebt, dann macht man sich eben selbst welche”. Jetzt können wir darüber schmunzeln, aber am Ende dieses Tages waren wir körperlich wie psychisch vorerst am Tiefpunkt der Reise angelangt Smiley.

Dabei fing der Tag eigentlich ganz wunderbar an. Die Sonne schien, als wir uns kurz nach 9Uhr wieder in Bewegung setzten. In Serpentinen folgten wir der Carretera hinauf in die Berge und begegneten dabei so vielen deutschen und schweizer Reisenden in ihren Wohnmobilen oder Reisefahrzeugen, dass wir uns sicher waren erstmals einer Seabridge-Tour begegnet zu sein. Dieser Abschnitt der Carretera, bis zum Abzweig nach Puerto Cisnes, war aber durch die schneebedeckten Berge um uns herum landschaftlich besonders reizvoll.

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Traumhafte Landschaften begleiten uns vom N.P. Queulat in Richtung Río Cisnes.

Dem Río Cisnes folgten wir in besiedeltere Regionen, wo vielerorts ganze Landstriche durch Brandrodung entstellt worden sind. Da die Viehzüchter kein Interesse am Holz der ursprünglichen Wälder hatten, liegen die gefällten und verkohlten Reste noch immer kreuz und quer auf den Wiesen verteilt. Die nun kahlen und stark von Erosion bedrohten Hänge ergeben mit den unendlichen Mengen toten Holzes ein wahrlich trostloses Bild – so ziemlich die hässlichste Landschaft, die wir auf der Carretera zu Gesicht bekommen haben.

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Durch Brandrodung sind die einst dicht bewaldeten Hügel völlig entstellt .

Doch auch hier gab es Abschnitte, in denen die Zeit still zu stehen schien. In fast unberührten Wäldern und auf wunderschönen Wildblumenwiesen grasten vereinzelte Kühe, während  wilde Buschrosen und Heerscharen von Margeriten und Lupinen in allen Farben das Bild abrundeten. Hier hätten wir ewig verbringen können.

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Hier standen die Lupinen in voller Blüte – nur eine von vielen Wildblumenarten auf den Wiesen entlang der Carretera Austral.

Aber wir mussten trotzdem weiter und steuerten noch an diesem Tag die größte Stadt an der Carretera, Coyhaique, mit knapp 45.000 Einwohner an. Hier kauften wir im Supermarkt ein und verließen das Zentrum dann auch sogleich wieder, um in den wenig besiedelten Süden vorzudringen.

Durch das Reserva Nacional Cerro Castillo und seine schroffen Basaltberge gelangten wir hinab in das Tal des mächtigen Río Ibañez, der an dem staubigen Pionierstädtchen Villa Cerro Castillo vorbeifließt. Das Landschaftsbild war geprägt vom großen, mäandrierenden Fluss, Sümpfen und den steil zum weiten Tal hin abfallenden Bergen. Spektakuläre Wolken zogen am Himmel entlang, als wir uns am Abend auf die Suche nach einem Platz für die Nacht machten.Panoramabild 15-Chile3

Der Blick in das Tal des Río Ibañez, ein großer Strom der weit verzweigt in Richtung Villa Cerro Castillo fließt.

Gegen 18Uhr entdeckten wir endlich eine schmale Fahrspur hinunter an einen rauschenden Bach, der hier in zwei Arme geteilt in den großen Río Ibañez rauschte. Die Sandbänke waren ausladend, das Tal weit und der große Río Ibañez floss gemächlich in einiger Entfernung dahin. Die Wolken hatten sich zu einem dichten Grau zusammengezogen und der Wind hatte an Kraft gewonnen. Immer wieder blies er einem Sand in die Augen. Lange waren wir an diesem Tag nun schon unterwegs und wir waren erledigt – das hier sollte die Stelle für unsere Übernachtung werden.

Allerdings sah es auf einer gegenüberliegenden Sandbank doch noch schöner aus?! Also starteten wir den Motor erneut, durchquerten den ersten, deutlich tieferen und wild schäumenden Arm des Arroyo Cascada. Ohne Mühe schaukelte uns der Pinzi über die großen Kiesel im Flussbett und wir erreichten trockenen Fußes den langsam dahinfließenden zweiten Arm. Der auserwählte Platz lag jetzt in greifbarer Nähe vor uns, nur noch das flache Rinnsal lag zwischen uns. Also los … Allrad und Sperren einlegen, Fuß aufs Gas und durch sind wir … leider nur fast, denn genau in der Mitte schien jemand den Anker geworfen zu haben – wir steckten fest … und zwar richtig.

War die Überquerung des ersten, wesentlich tieferen Flussarms überhaupt kein Problem gewesen, waren wir nun an dem ganz flachen, aber sandigen Arm gescheitert. Auch wenn wir beim Erkennen unserer misslichen Lage sofort vom Gas gegangen waren, um uns nicht noch tiefer einzugraben, so mussten wir doch feststellen, dass der feine Fließsand uns schon ziemlich tief hatte sinken lassen. Aussteigen mit trockenen Füßen war nur noch über das Dach möglich und das Wasser begann sich im Fußraum zu sammeln. Unser Stimmungsbarometer sank augenblicklich in die 16-stöckige Tiefgarage, denn es war schon spät, wir waren erledigt, hatten Hunger … aber uns war klar, dass wir uns hier nicht mehr alleine befreien konnten. Alle Bäume die wir mit unserem Greifzug und Bergegurten hätten nutzen können waren entweder zu weit weg oder standen in völlig falscher Richtung. Es musste Hilfe her und so machte sich Florian auf den Weg zur nahen Carretera und rannte 5km die Straße zurück, bis er an das nächste Haus kam, während ich im Auto wartete.

Nach ungefähr 30 Minuten kam Florian mit einem chilenischen Viehbauern zurück, den er auf der nächsten Farm gefunden hatte. Leider hatte dieser keinen Traktor oder schwereres Gerät, sondern konnte uns nur mit seinem Pick-Up, einem Ford Ranger 4×4, zur Hilfe eilen. Mit Mühe schaffte er es den ersten Fluss zu durchqueren, aber aus der erhofften, schnellen Rettung wurde nichts. Der Wagen war einfach zu leicht, als dass er den schweren Pinzi aus dem saugenden Schlamm hätte ziehen können. Statt uns irgendwie zu befreien, zog er uns – leider – eher tiefer in den Dreck.

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Trotz eigentlich nur 10cm Wassertiefe steckten wir überraschend schnell 80cm tief fest.

Auch mit unserem Greifzug versuchten wir uns mit Hilfe seines Autos herauszuziehen. Doch statt den Pinzi hinaus zu ziehen, zogen wir den Ford im weichen Sand nur in Richtung das Wassers – daraus wurde also auch nichts. So musste weiter geschaufelt werden … Schnell waren wir so nass und dreckig, dass es eigentlich egal war, ob wir uns mit oder ohne Klamotten unter das Auto in dem nassen Sand und ins kalte Wasser knieten. Doch soviel wir auch schaufelten und die Sandbleche bei uns oder den Vorderrädern des Fords einsetzten, der vom Wasser eingespülte Sand verfüllte jedes gegrabene Loch unter dem Pinzi schneller als wir ein Neues ausheben konnten. Wir hatten es zwar inzwischen geschafft das Heck etwas über die Uferkante zurück zu ziehen, aber die Vorderräder schienen sich mit jedem neuen Versuch nur noch weiter dem Mittelpunkt der Erde zu nähern.

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Die ersten Rettungsversuche mit dem Ford Ranger des Bauern – leider erfolglos.

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Es wurde gegraben, geschaufelt, gezogen und umgeleitet … half aber leider nichts, der nasse Sand rutschte einfach schneller nach als wir schaufeln konnten.

Es war schon ein ziemlich hässliches Gefühl bei der Kälte, dem Wind und der aufkommenden Dunkelheit hier draußen zu stehen und sich eingestehen zu müssen, dass alle bisherigen Arbeiten umsonst gewesen waren. Hunger hatten wir schon lange keinen mehr. Vielmehr waren wir hundemüde und erledigt, hatte vor allem doch Florian die ganze Zeit mit nackten Beinen im eisigen Fluss gestanden und versucht die Vorderräder aus dem Schlamm zu wühlen. Es war einfach aussichtslos.

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Am Ende des Tages waren wir so erledigt, dass wir trotz der extremen Schräglage sofort einschliefen.

Wir würden morgen per Anhalter zurück nach Cerro Castillo trampen, denn dort sollte es – laut dem Viehbauern – einen Traktor geben. Wir wollten also entweder im Zelt hier auf der Sandbank, oder eben im schräg-stehenden Pinzi schlafen und es morgen mit Hilfe aus der Stadt versuchen. Doch als wir dem Bauern das klarzumachen versuchten, fing dieser plötzlich davon an, dass es zu gefährlich sei hier zu campen. Regen sei angesagt und dann gäbe es Überschwemmungen. Vielleicht sollten wir mit ihm zusammen versuchen den Flussarm umzuleiten, so dass das Auto nicht mehr mit der Vorderachse im Wasser stand!?

Florian und ich motivierten uns ein weiteres Mal, allein durch die Aussage, dass es Regen und eventuelle Überschwemmungen geben würde, die uns und dem Pinzi tatsächlich gefährlich werden könnten und stapften mit unseren Schaufeln zum Abzweig des Flussarms. Steine, Baumstämme, Äste und Kies schaufelten wir nun übereinander, um den Zufluss des Wassers zu stoppen oder wenigstens zu verringern.

Unsere Schuhe, Socken und Hosen waren nass und schon sehr bald war es viel zu dunkel um überhaupt noch irgendetwas zu erkennen, so dass wir zum Auto zurückliefen. Das Umleiten des Flussarms hatte zwar ein klein Wenig gebracht, aber natürlich noch lange nicht genug. Mittlerweile war es kurz nach 23Uhr, der Wind pfiff eiskalt und wir waren so erledigt, wie schon lange nicht mehr. Der Bauer schlug uns vor doch einen großen Baumstamm senkrecht in die Sandbank einzugraben und dann mit dem Greifzug den Pinzi daran herauszuziehen. Er würde uns den Baumstamm morgen zwischen 6 und 7Uhr vorbeibringen … und damit war er am Ende eines langen Tages weg.

Müde, dreckig und völlig erschöpft krabbelten wir in den chaotischen Koffer und packten, aus Angst vor dem Regen, die wichtigsten Sachen, wie Pässe und Festplatten, in einen “Notfall-Rucksack”, ehe wir versuchten eine ebene Liegefläche für die Nacht zu bauen. Sehr erfolgreich waren wir dabei nicht, denn die ganze Nacht über rutschten wir mit unseren Füßen nach hinten. Wir zwangen uns noch wenigstens ein Stück Brot zu essen, tranken ein paar Bier und fielen um 1Uhr in einen unruhigen Schlaf. Schon um 5.30Uhr klingelte der Wecker und wir stellten mit großer Erleichterung fest, dass es nicht geregnet hatte und auch vorerst nicht nach Regen aussah.

Noch in der Nacht hatten wir beschlossen auf den Bauern und den versprochenen Baumstamm zu warten, dann aber direkt in die Stadt zu trampen, weil wir uns von der Baumstamm-Greifzug-Rettung wenig versprachen. Da der feine Sand beim Graben sofort nachrutschte, hätten wir – um den Stamm mindestens 1,5 Meter tief einzugraben – also ein riesiges Loch ausheben müssen. Ein weiteres Problem sahen wir darin, dass sich ab einer Tiefe von 50cm schon Wasser im Loch zu sammeln begann. Kurzum, als der Bauern um 7Uhr noch immer nicht aufgetaucht war, packten wir unseren Notfall-Rucksack und liefen hinauf zur Straße. Ich hatte ein ungutes Gefühl den Pinzi einfach so zurückzulassen, aber uns blieb nichts Anderes übrig.

Zum Glück mussten wir nicht sehr lange auf einen Lkw warten, der für uns anhielt … allerdings standen wir auch mitten auf der Straße und wedelten wie wild mit den Armen. Da Florian am Abend zuvor wenig Erfolg beim Trampen gehabt hatte, versuchten wir der Dringlichkeit unserer Situation so etwas Nachdruck zu verleihen. Es war ein großer Bierlaster und drinnen saßen drei nette Kerle. Zwei davon wollten uns gleich helfen und runter zum Pinzi laufen, aber nachdem Florian ihnen Bilder auf dem Fotoapparat gezeigt hatte, sahen sie ein, dass sie da nichts würden ausrichten können. Wir durften also hinten auf der Ladefläche mitfahren und holperten zusammen mit den Bierflaschen bei ohrenbetäubendem Krach die 40km zurück bis Villa Cerro Castillo.

Kurz vor der Stadt ließen sie uns wieder bei einem Bauernhaus raus, da sie auf einem dazugehörigen Feld einen Traktor entdeckt hatten. Wir bedankten uns und stiegen aus. Der Bauer konnte uns jedoch nicht weiterhelfen, denn wie er sagte, würde der Traktor einer Gruppe von Leuten und nicht nur ihm alleine gehören. Wir sollten es doch lieber erst mal in der Stadt versuchen, da gäbe es einen Mann namens Pedro, der mit einem Grader die Straße in Stand halten würde. Er könne uns sicher helfen.

Also wanderten wir weiter um ein paar Kurven und hinab in die Stadt. Gerade als wir den Berg hinunter kamen, sahen wir dass Pedro auf seinen Grader stieg und fingen an zu rennen. Doch er musste uns mitteilen, dass er eine Strecke von Hin und Zurück gut 80km nicht einfach so fahren könnte – die Maschine hätte einen Stundenzähler und da er nur Fahrer der öffentlichen Maschine sei, könne er uns leider auch nicht helfen. In der Stadt gäbe es aber jemanden mit Traktor, wir sollten doch dort mal fragen. Später am Tag, sahen wir dann, dass Pedro und sein Grader bis 6km vor der Stelle, an dem der Pinzi stand, gearbeitet hatte … sooo groß wäre der Umweg ja dann doch nicht mehr gewesen.

Aber gut – weiter ging die Suche nach Jemandem, der uns würde helfen können. Wir wurden zu einem grünen Haus geschickt, wo schon ein Mann in der Einfahrt auf uns wartete. Er nahm sich zumindest erstmal unseres Problems an, sprach mit einem anderen Mann und telefonierte. Es gäbe nun zwei Leute, die uns eventuell helfen könnten – der eine sei gerade in Coyhaique und käme erst am Abend wieder und zu dem anderen brachte er uns, wohnte dieser doch nur ein paar Meter weiter.

So trafen wir zum ersten Mal Jorge García.

Jorge ist ein freundlicher, lustiger Mann mit bärigem Aussehen. Er sprach sehr stolz ein paar Brocken Englisch, war gut gelaunt und im Besitz eines Traktors. Wir schilderten ihm unser Problem und fragten, ob er uns helfen könnte. Natürlich könne er uns helfen, hätte heute aber noch viel Arbeit vor sich, danach könne er aber mit uns zu der Stelle fahren, wo der Pinzi stand. Da fiel uns schon mal ein Stein vom Herzen und wir boten ihm unsere Hilfe an, damit wir nicht nutzlos herumsitzen würden.
Es stellte sich jedoch raus, dass er so viel Arbeit gar nicht zu erledigen hatte – er musste ein paar Bretter schneiden und ein paar Erdarbeiten mit seinem Trecker erledigen, ehe er Zeit für uns hatte. Und da er nur zwei Plätze auf dem Trecker hatte, bot ich an einfach in der Stadt zu warten. Während Florian und Jorge sich also auf den langen Weg zum Pinzi machten, konnte ich in Jorges Haus warten und schaute chilenisches Fernsehen.

Wäre ich nicht so müde gewesen, hätte ich Freudensprünge gemacht, als ich nach all der Wartezeit plötzlich das vertraute Heulen des Pinzis auf der Straße vernahm! Wir waren gerettet. Ich glaube ich bin selten so erleichtert wegen irgendetwas gewesen.

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Jorges Traktor.

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Während Florian und Jorge den Pinzi retteten, musste ich in Jorges Haus warten und Fernsehen.

Nachdem die beiden Männer nach fast 2 Stunden Fahrt am Pinzi angekommen waren, hatte die Bergung aber auch nicht gleich auf Anhieb geklappt. Trotz des Allrad-Antriebs des Traktors hatte auch dieser erst einmal nur durchgedreht. Erst als der Pinzgauer mit einer Kette am Frontlader von hinten angehoben wurde und der Traktor mit untergelegten Sandblechen ausreichend Traktion bekam, ging dann plötzlich alles ganz schnell. Da die Kette ziemlich kurz war und die Schaufel zum Heben natürlich dicht am Koffer gestanden hatte, gab es dann auch noch eine Delle an unserem Türrahmen – sozusagen als Erinnerung Zwinkerndes Smiley. Selten haben wir eine Delle so gerne in Kauf genommen, waren wir doch endlich frei und das ungewollte Abenteuer zu Ende.
Doch das Nächste ließ nicht lange auf sich warten …

Erst einmal mussten wir aber natürlich unsere Schulden bezahlen. Traktorstunden sind leider auch in Chile nicht spottbillig, so dass uns unsere Rettung 250€ kostete … die wir in bar nicht hatten. Die einzige Möglichkeit an Bargeld zu kommen war also der nächste Geldautomat – im nur 100km entfernten Coyhaique. Wie um unsere Glückssträhne abzurunden,  mussten wir jetzt auch noch feststellten, dass – ausgerechnet im teuren Chile – zwei unserer Reifen ihren Geist aufgaben. Das Profil löste sich bei einem von der Karkasse und der zweite eierte durch einen wahrscheinlich innenliegenden Schaden bedenklich –  2x Totalschaden also. Das war nicht die Folge von unserem “Bad im Fluss”, sondern die Zeit der Reifen war einfach gekommen und die vielen Kilometer harter Schotterpiste in den letzten Tagen hatten ihr Übriges getan. So oder so mussten wir nun also die 100km zurückfahren, wo es nicht nur den nächsten Geldautomaten gab, sondern wir uns auch eine Lösung wegen der Reifen überlegen mussten, denn alle Ersatzreifen waren ja jetzt verbraucht.

Wir versprachen Jorge mit seinem Geld zurückzukehren. Er wollte nicht einmal eine Sicherheit, sondern sagte nur, dass er uns für ehrliche Menschen halte. Jorge, der Gute! Smiley

Und so fuhren wir zurück nach Coyhaique – die längsten 100km unseres Lebens – denn wir waren beide so müde und erschöpft vom letzten und heutigen Tag. Alle Muskeln taten uns weh, noch immer waren wir dreckig und auch im Pinzi sah es furchtbar aus. Ohne viel zu überlegen quartierten wir uns für zwei Nächte auf dem Campingplatz Alborada ein, putzen den vollkommen versandeten Koffer noch einmal gründlich und stellten uns selber für 20 Minuten unter die heiße Dusche, bevor wir schon um 21Uhr tot ins Bett fielen.

Nachdem wir uns am nächsten Tag bei einigen Reifenhändlern nach Reifen erkundigt hatten, brachten wir Jorge endlich sein Geld und bedankten uns überschwänglich. Ohne seine Hilfe säßen wir vielleicht immer noch im Sand. Ein Hoch auf unseren Jorge und seinen Traktor! Smiley

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Jorge, unser Retter!

Unsere eigene Reise war aber immer noch zwangspausiert. Es hatte sich leider gezeigt, dass unsere Reifengröße in frühestens 2-3 Wochen aufzutreiben sei und dabei das Doppelte von dem Preis in Deutschland kosten sollte. So fiel unsere Wahl dann nach langer Suche auf eine minimal kleinere Reifengröße, die schon in 5 Tagen lieferbar sein sollte. Da unsere verbliebenen Reifen ja schon ziemlich weit abgefahren waren, sollte der Unterschied also minimal sein. Wir bestellten 4 Stück für die Hinterachsen, um so die restlichen Kilometer bis zu unserer Rückfahrt sorgenfrei fahren zu können. Zurück in Deutschland könnten wir uns dann um neue Reifen in unserer Wunschgröße kümmern. Die Lieferung in das weit abgelegene Coyhaique erfolgt nur wöchentlich, aber unsere Bestellung sollte am folgenden Freitag dabei sein. Somit hieß es für uns, dass wir noch vier Tage überbrücken mussten.
In der besiedelten und ziemlich eingezäunten Region um Coyhaique aber eine Schwierigkeit, wenn man zu geizig ist um weiter 4 Tage auf teuren Campingplätzen zu schlafen. Nach einem Ausflug nach Puerto Aysen und Puerto Chacabuco ans Meer, fanden wir aber Gott sei Dank eine wundervolle Stelle am Río Simpson, an der wir gleich drei Tage stehen bleiben konnten. Hier war es wunderschön und wir erholten uns restlos von den Strapazen der vergangenen Woche, die uns doch einige graue Haare gekostet haben mochten. Wir lasen viel und arbeiteten am letzten Reisebericht, bevor wir am Abend vor der Reifenlieferung zurück auf den Campingplatz von Coyhaique fuhren, um vor der Weiterreise noch mal Wäsche zu waschen.

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Erneuter Ausflug an den Pazifik – Fischerboote im natürlichen Hafen von Puerto Chacabuco.

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So kann man sehr entspannt auf Reifen warten – Drei Tage bei herrlichem Wetter am Río Simpson.

Die Weiterfahrt war gleich nach der Montage der neuen Reifen geplant – aber da hatten wir uns wohl zu früh gefreut, denn Chile ist eben trotzdem noch Südamerika … und unsere Reifen waren daher nicht da. Irgendjemand musste in Santiago vergessen haben sie auf den Lkw nach Coyhaique zu laden. Das Ganze fiel dem Reifenhändler aber auch erst auf, als wir bereits in der Halle standen, die Räder vom Fahrzeug montiert hatten und der erste Reifen von der Felge gepresst war. Er entschuldigte sich vielmals und es war ihm sichtbar peinlich, aber auch das zauberte unsere Reifen leider nicht her. Nach einigen Überlegungen bot er uns dann an, die Reifen aus Santiago einfliegen zu lassen, da dies die einzige Möglichkeit sei die Reifen noch vor den Weihnachtsfeiertagen in der nächsten Woche zu bekommen. Nachdem der gute Mann uns fünf mal versprochen hatte, dass die Reifen zu 100% am Montag mit dem Flugzeug kommen würden und am Dienstag den 24.12. montiert werden könnten, versuchten wir mal zu hoffen, dass keiner vergessen würde unsere Reifen in das richtige Flugzeug zu laden …

Auch wenn ich mit einer solchen Wendung der Reifengeschichte schon insgeheim gerechnet hatte, waren wir trotzdem beide wie vor den Kopf gestoßen, bedeutete das doch erneut 4 Tage überbrücken zu müssen. Die direkte Umgebung der Stadt kannten wir ja jetzt bereits und größere Touren wollten wir mit unseren verbliebenen, angeschlagenen Reifen nicht wagen. Da wir uns nicht noch mehr Tage auf dem nur mäßig schönen Campingplatz leisten wollten, blieben uns keine großen Alternativen. Wir fuhren aus der Stadt heraus und fanden an einer kleinen Schotterstraße, umgeben von unendlichen Kilometern eingezäuntem Weideland, doch noch einen Platz an dem wir ungestört waren. So machten wir das Beste aus der Situation, bastelten Weihnachtssterne und das erste Mal auf unserer Reise schafften wir es den kompletten Rückstand unserer Reiseberichte aufzuholen. 

Aber, wir saßen eben immer noch fest und hofften insgeheim auf ein “Weihnachtswunder”, denn jeder Tag den wir hier länger warten mussten, würde uns am Ende fehlen. Schon jetzt war unser Programm straff geplant … müssen wir doch eigentlich schon in Wochen statt  Monaten bis zu unserer Rückreise rechnen.

Doch unsere Hoffnung wurde wunderbarerweise nicht enttäuscht! Am Heiligenabend um 18.30Uhr – alle Läden und Geschäfte, so auch der Reifenhändler – hatten bereits geschlossen, bekam der Pinzi seine neuen Reifen. Marcos, der Reifenhändler hatte sie extra für uns noch um 17Uhr aus Balmaceda, dem 40km entfernten Flughafen geholt, und wir alle zusammen montierten in Windeseile die neuen “Schuhe”. Einfach unbeschreiblich, wie froh wir waren!

Es wurde für uns also doch noch ein richtig entspanntes Weihnachtsfest. Zum Festschmaus gab es erneut Rouladen mit Bandnudeln und zum Nachtisch Herrencreme. Bei festlichen gedecktem Tisch und einem Kiefernzweig als Weihnachtsbaum herrschte dann tatsächlich erstmals eine gemütliche Weihnachtsstimmung. Es war ein schöner Abend – umso schöner, weil wir wussten, dass es für uns nach den fast 14 Tagen endlich wieder weitergehen konnte.

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Vorbereitungen für das Weihnachtsfest – die Herrencreme will gerührt werden Smiley.

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Nach der erfolgreichen Montage der neuen Reifen gab es doch noch ein gemütliches Weihnachtsfest im Pinzgauer.

So war der erste Weihnachtsfeiertag dann unser Startsignal für das Ende unserer Reise auf der Carretera. Die Etappe bis zum Arroyo La Cascada kannten wir nun ja schon praktisch auswendig und so war die Strecke schnell überbrückt. Während der Wind auffrischte und Staub über die sandigen Ufer des Río Ibañez fegte, ging es dann endlich in unbekannte Gebiete. Die Fernsicht wurde leider immer schlechter, da der Sandsturm die Hügel und Berge in graue Schleier hüllte, aber die neuen Reifen fuhren sich recht gut und so trugen sie uns an diesem Tag noch bis an den Río Murta, an dessen Ufer wir den ersten Weihnachtsfeiertag bei einsetzendem Nieselregen ausklingen ließen.

Am nächsten Morgen folgten wir den – für uns – letzten Kilometern der Carretera Austral bis an den riesigen General Carrera See, Südamerikas zweitgrößten See nach dem Titicaca-See. Nach der langen Zwangspause in Coyhaique  hatten wir uns inzwischen schweren Herzens dazu durchgerungen, nun doch nicht die ganze Strecke bis Villa O’Higgins zu fahren, um unseren Zeitplan wenigstens einigermaßen einhalten zu können. Diesen Teil müssen wir uns dann für eine andere Reise vornehmen.

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Nur eine von unzähligen Buchten am azurblauen Lago General Carrera.

Durch die vielen Buchten und Arme wirkte der See auf uns erstmal gar nicht so riesig, er begleitete uns aber von nun an den ganzen Tag. Kurz hinter der Brücke über den Río Baker,  dem mächtigsten Fluss Chiles, verließen wir etwas wehmütig dann endgültig die eigentliche Carretera und folgten der Straße in Richtung Chile Chico. Knapp 80km vor dem Grenzort mit Argentinien fanden wir einen hübschen Stellplatz am Río El Maiten und freuten uns, dass schlussendlich sich alles zum Guten gewendet hatte. Trotz, und ein kleines bisschen vielleicht auch gerade wegen all der erlebten Widrigkeiten werden wir diesen Teil Chiles in besonders guter Erinnerung behalten.

Am nächsten Morgen fuhren wir bei bestem Wetter am Ufer der General Carrera entlang, blickten zurück auf die schneebedeckten Berge und überquerten in Chile Chico die Grenze nach Argentinien. Von nun an wurde der See Lago Buenos Aires genannt und die schneebedeckten Berge verschwanden. Dafür hieß uns die patagonische Steppe und ihr steter Begleiter, der heftige Wind, willkommen. Wieder einmal ein neuer Abschnitt unserer schönen Reise Smiley.

 

Bis zum nächsten Bericht aus Argentinien,

K+F

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Ein Gedanke zu „Unterwegs auf der Carretera Austral … oder: Das ungeplante Abenteuer

  1. Rosi

    Oh je…. da habt Ihr aber ein Abenteuer hinter Euch und sehr viel Glück gehabt…..

    Schön und spannend zu lesen der Bericht, gut das es so ausging.
    Weiter eine gute Reise , auch wenn es eng wird, einer kommt immer oder hilft, das ist das tolle in Südamerika!!
    Suerte und abrazo Rosi

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